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Top-Thema vom Montag, 19. Dezember 2011


Václav Havel, der samtene Revolutionär

Die Menschen liebten Havel, denen er von 1989 bis 2003 als Präsident diente. (©AP)

Václav Havel ist am Sonntag im Alter von 75 Jahren gestorben. Weltweit würdigten Politiker den tschechischen Dramatiker, Dissidenten und späteren Präsidenten, der zur Symbolfigur des demokratischen Aufbruchs nach 1989 wurde. Ohne Persönlichkeiten wie Havel ist ein freies Europa undenkbar, meinen Kommentatoren, die ihn als großen Politiker und intellektuellen Entdecker loben.


Salzburger Nachrichten - Österreich

Wegbereiter des freien Europas

Ohne Visionäre wie Václav Havel gäbe es kein freies Europa, meint die christlich-liberale Tageszeitung Salzburger Nachrichten: "Dass Havel das überhaupt erlebte, dass er nicht vom Regime nach einem Schauprozess ermordet, sondern bloß eingesperrt wurde, hat er ausschließlich der Gnade seiner späten Geburt zu verdanken. Seine Vorläuferinnen und Vorläufer in den Vierziger- und Fünfzigerjahren beendeten ihr Leben in den Hinrichtungsstätten von Prag und Budapest, Warschau und Ostberlin, Sofia und Bukarest. 
Der Tod dieses großen Europäers und Demokraten gibt Anlass, sich dessen zu besinnen, was wir in Europa erreicht haben. Freiheit und Wohlstand. Die Abwesenheit von Krieg und staatlicher Gewalt. Sicherheit und die Möglichkeit, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und nach eigenem Gutdünken zu gestalten: Diese Errungenschaften, die wir heute 
als viel zu selbstverständlich erachten und entsprechend gering schätzen, sind visionären Führern vom Schlage Václav Havels zu verdanken." (19.12.2011)


El País - Spanien

Der Entdecker seiner selbst

Die tschechische Schriftstellerin Monika Zgustová, die Havels Werk ins Spanische übersetzt hat, erinnert sich in der linksliberalen Tageszeitung El País an den tschechischen Ex-Präsidenten und Dichter als Entdecker: "So war Havel: An erster Stelle standen für ihn immer die intellektuellen, linguistischen, ethischen und philosophischen Fragen. Sein ganzes Werk - angefangen bei den ersten visuellen Gedichten der 1960er Jahre, Typogramme genannt, über sein Avantgarde-Theater und seine Aufsätze aus seiner Zeit als Dissident, bis hin zu seinem letzten Theaterstück - ist voll von diesen Fragen. Havel hat immer das Experiment interessiert. Er wollte immer ein Stück weiter gehen als das, was bereits getan wurde oder bekannt war - sowohl in seinen Büchern und Stücken als auch in seiner Funktion als Präsident. Er musste immer etwas Neues entdecken, und gleichzeitig musste er sich dabei selbst entdecken." (19.12.2011)


The Guardian - Großbritannien

Europa braucht Václav Havel

Der Zeithistoriker Timothy Garton Ash erinnert in der linksliberalen Tageszeitung The Guardian an den ehemaligen tschechischen Präsdidenten Václav Havel als den Regisseur eines Stücks, das die Geschichte veränderte: "Havel hat das Europa des späten 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt. Er war nicht einfach ein Dissident, er war der Inbegriff des Dissidenten, wie wir den Ausdruck heute verstehen. Er war nicht nur der Anführer irgendeiner Revolution, sondern der Anführer der Samtenen Revolution, die diesen Namen für viele andere gewaltlose Massenproteste seit 1989 prägte. Havel war nicht nur ein Präsident, er war der Gründungspräsident jenes Staats, der heute die Tschechische Republik ist. Er war nicht nur ein Europäer, er war ein Europäer, der uns mit der Eloquenz eines professionellen Dramatikers und der Autorität eines ehemaligen politischen Gefangenen an die historischen und moralischen Dimensionen des europäischen Projekts gemahnt hat. Sehen wir uns das Chaos an, in dem das Projekt heute steckt, können wir nur rufen: 'Havel! Europa braucht Euch.'" (19.12.2011)


Lidové noviny - Tschechien

Ein großer Politiker aus einem kleinen Land

Der am Sonntag verstorbene Václav Havel gehörte nach Meinung der konservativen Tageszeitung Lidové noviny zu den größten Politikern, die Mitteleuropa hervorgebracht hat und geht vor allem auf seine Außenpolitik ein: "So wie Havel ein überzeugter Atlantiker war, war er auch ein überzeugter Europäer. Im Referendum, das kurz nach seinem Abschied von der Prager Burg stattfand, bekannte sich Havel - im Gegensatz zu seinem Nachfolger Václav Klaus - klar zum Beitritt Tschechiens zur EU. 'Mir scheinen die Worte vom Verlust unserer Souveränität in diesem Zusammenhang unangebracht', sagte er. 'Ja, wir verlieren ein Stück davon, aber gerade jenen Teil, den wir verlieren sollten. Dafür wird die Souveränität aller anständigen Bürger gestärkt.' Es wäre gut, wenn wir diese Worte gerade heute nicht vergäßen. ... Havel war ein großer Staatsmann. Ein so großer, dass die Tschechoslowakei und die noch kleinere Tschechische Republik für ihn immer zu klein gewesen sind." (19.12.2011)


Blog Ivo Indjev - Bulgarien

Bulgariens politische Zwerge trauern nicht

Der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel überragt als Symbolfigur des Widerstands gegen den Totalitarismus alle heutigen bulgarischen Politiker dermaßen, dass ihre Beileidsbekundungen für den Blogger Ivo Indjev wie Hohn klingen: "Es fällt mir schwer, die offiziellen Beileidsschreiben dieser Menschen zu schlucken, die sich in Bulgarien an die Spitzen der Macht gehievt haben. Bei unserem Premier und unserem Präsidenten, diesem Tandem der Trauernden um Havels Tod, erkenne ich beim besten Willen nichts als Unaufrichtigkeit, vereint mit dem schlechten Gewissen politischer Zwerge, die große balkanische Ambitionen verfolgen. Es fällt mir schwer, ihnen zu glauben. Aber nicht so sehr, weil ihnen die historische Größe Havels abgeht, sondern weil sie lügen und in ihrer hässlichen provinziellen Selbstverliebtheit als Anführer einer zweifelhaften Demokratie nicht wirklich wie Trauernde klingen." (18.12.2011)


» zur gesamten Presseschau vom Montag, 19. Dezember 2011

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