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Top-Thema vom Dienstag, 10. Februar 2009


Eluana Englaro ist tot


Nach mehr als 16 Jahren Wachkoma stellten Ärzte der Klinik "La Quiete" im norditalienischen Udine die künstliche Ernährung der 38-jährigen Eluana Englaro ein. Die europäische Presse diskutiert die politischen Ränkespiele um ihren Tod.


El País - Spanien

Berlusconi hat den Institutionen geschadet

Nach dem Tod der Koma-Patientin Eluana Englaro kritisiert die Tageszeitung El País das Handeln des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi: "Eluanas Willen, wie sie leben und sterben wollte, war erkennbar. Ebenso [war klar], wie dies rechtmäßig umzusetzen ist. Es war die Pflicht eines demokratisch Regierenden, diesen Willen und das Gesetz, das ihn schützt, zu respektieren. Aber Berlusconi hat ohne Rücksicht auf den enormen Schaden gehandelt, den er den Institutionen damit zugefügt hat: Er hat versucht, das Staatsoberhaupt zu zwingen, eine verfassungswidrige Gesetzesverordnung zu unterschreiben. Er hat den Obersten Gerichtshof herausgefordert und delegitimiert. Und er hat das Parlament dazu gezwungen, innerhalb weniger Stunden ein Gesetz zu verabschieden, das allein seinen Privatinteressen diente: [nämlich,] seine politischen Ambitionen zu sättigen, die sich mit den Wünschen des Vatikan decken, die Moral zu dominieren." (10.02.2009)


Dnevnik - Slowenien

Berlusconi weiß nicht, was die Eltern durchgemacht haben

In der Tageszeitung Dnevnik kritisiert Tanja Lesničar-Pučko den Versuch des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, die Koma-Patientin Eluana Englaro am Leben zu halten: "Der Alleinherrscher, der sich das Recht nimmt, über alles zu entscheiden; der den Staat in eine Karikatur verwandelt, wo die Mafia mordet wie noch nie; der den Faschismus verherrlicht, ... wird plötzlich sensibel wie eine Mimose. Natürlich ist klar, wo dieses Feingefühl herkommt, welcher Staat im Staat dahinter steckt und warum die Angelegenheit zu einer politischen Farce wird: wegen der Nichtachtung des Gerichtsbeschlusses, dem Kräftemessen mit dem Präsidenten [Giorgio] Napolitano und der Drohung, ihn abzusetzen. Im politischen Kampf und im Verlangen nach einer Verfassungsänderung und diktatorischen Vollmachten ist jede Art der Perversität erlaubt. ... Eluanas Familie konnte offensichtlich nicht mehr, und während Berlusconi darüber spricht, sie könnte noch Kinder bekommen, weiß er nicht, wie ein Mensch aussieht, der siebzehn Jahre im Koma lag. Er weiß auch nicht, was ihre Eltern in all den Jahren durchgemacht haben." (10.02.2009)


The Times - Großbritannien

Politische Intervention mit traurigem Ende

Die Tageszeitung The Times sieht drei strittige Punkte im Fall der Koma-Patientin Eluana Englaro: "Der erste ist die Frage der Euthanasie. In Italien, wie anderswo in Europa, ist Euthanasie illegal, obwohl Patienten das Recht haben, Behandlung abzulehnen. ... Die zweite Frage war das verfassungsmäßige Kräftegleichgewicht. Es ist extrem selten, dass sich ein Staatsoberhaupt weigert, ein Dekret zu unterzeichnen. ... Das dritte Problem war der angemessene Einfluss der römisch-katholischen Kirche. Die Intervention Kardinal Tarcisio Bertones, eines hochrangigen vatikanischen Geistlichen, und seine Kritik an Präsident [Giorgio] Napolitano fand breite Unterstützung bei italienischen Katholiken. Sie hat aber [auch] eine wütende Gegenreaktion ausgelöst, die die Grundlage des Konkordats von 1929 unterminiert, nach dem der Vatikan ein eigenes Land ohne politischen Einfluss in Italien ist. ... Er [Berlusconi] könnte jedoch herausfinden ... dass eine politische Intervention, wenn es um Leben oder Tod geht, oft ein trauriges Ende nimmt und am Ende alle unzufrieden sind." (10.02.2009)


Die Tageszeitung taz - Deutschland

Unheilige Allianz in Rom

Italiens Gerichte hatten erst kürzlich entschieden, dass Eluana Englaro nach fast 17 Jahren Koma sterben darf. Doch der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Papst Benedikt XVI. weigerten sich, die Beschlüsse zu akzeptieren, kritisiert die linke die tageszeitung: "Fern von ethischen Fragen demonstrierte Berlusconi immer schon, dass Gesetze in seinen Augen vor allem für eines da sind: dafür, 'passend' gemacht zu werden. ... Jetzt unternimmt er diese Übung gleichsam im Fremdauftrag der katholischen Kirche. Die darf sich darüber freuen, in Italiens Regierung ein williges Werkzeug zu finden, das das vatikanische 'Naturgesetz' - sprich die Gegnerschaft gegen jede Form der Sterbehilfe - flugs zum alleinigen Maßstab erhob. Zwei Männer demonstrieren so, auf dem Rücken der Familie Englaro, die ganze Fülle ihrer Macht. ... Mit einer ethischen Debatte über Sterbehilfe hat all dies nichts zu tun. Wohl eher schon mit einer Kirche, die erfüllt ist von vordemokratischem Absolutheitsanspruch, und einem Staat, der sich zu ihrem Handlanger macht. Unheiliger könnte diese römische Allianz nicht sein." (10.02.2009)


La Repubblica - Italien

Berlusconi hat den Tod politisch missbraucht

Laut dem Chefredakteurs der links-liberalen Tageszeitung La Repubblica, Ezio Mauro, hat mit dem Ende der Koma-Patientin Eluana Englaro der Leidensweg Italiens begonnen. Er kritisiert Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der mit seinem Eingreifen die Verfassung unterminiert habe: "Es ist erbärmlich, den Tod für politische Zwecke zu missbrauchen. Es ist eine Schande, den Staatspräsidenten [Giorgio Napolitano] auf das Terrain von Leben und Tod zu zerren, weil er die Pflichten des Verfassungshüters erfüllt hat. Es ist demütigend, den Verfall der Politik mit anschauen zu müssen. Es ist beunruhigend, die wahre Seele der Rechten entdecken zu müssen, grausam und wild in der Gier nach absoluter Macht, jeden Staatssinn missachtend, respektlos den Institutionen gegenüber, mit Ausnahme des Parlamentspräsidenten Gianfranco Fini, der sich klar distanziert hat. Mit der Instrumentalisierung einer nationalen und familiären Tragödie, mit dem finsteren Echo derjenigen, die den Tod in Politik verwandeln wollen, hat gestern die gefährlichste Phase der jüngsten Geschichte Italiens für das Schicksal der Republik begonnen." (10.02.2009)


Corriere della Sera - Italien

Die Wunden bleiben

Zum Tod der Koma-Patientin Eluana Englaro schreibt Claudio Magris in der liberal-konservativen Tageszeitung Corriere della Sera: "Ungelöst ist das Problem des letzten Willens, des so genannten biologischen Testaments, der Patientenverfügung. Im Fall von Eluana Englaro hat die Familie mit gesundem Menschenverstand entschieden. … Es ist dieser gesunde Menschenverstand, der die einzige prekäre Linie bleibt, entlang der man sich bewegen darf. Andernfalls rutscht man in ideologische Abstraktionen oder in ein allumfassendes Sterbehilfe-Konzept ab, das den Anspruch erhebt, die Kriterien der Lebensqualität und das Recht auf Leben und Tod vorzuschreiben. Es bleiben die Wunden, die der Tod denjenigen zugefügt hat, die sie geliebt haben, und die Wunden, die die unwürdige Attacke in ihrem Namen gegen die Grundprinzipien des Staates dem ganzen Land zugefügt hat und der Lebensqualität aller. Auch ein Land kann dazu gezwungen sein, ein Testament zu schreiben." (10.02.2009)


» zur gesamten Presseschau vom Dienstag, 10. Februar 2009

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