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Das nordische Modell – ein Vorbild für Europa?

von Christoph Mayerl


Die Skandinavier zeigen, dass sich wirtschaftlicher Erfolg und ein gut ausgebauter Sozialstaat nicht ausschließen. Was steckt hinter dem skandinavischen Modell? Taugt es als Vorbild für ganz Europa?


Wohnst du noch oder lebst du schon? Das größte Einrichtungsunternehmen der Welt stellt diese Frage seinen deutschen Kunden, und es ist eine sehr skandinavische Frage. Wir haben das Geheimnis des guten Lebens längst gefunden, lautet die Nachricht.

Nicht nur Ikea gilt als Erfolgsmodell, sondern auch der schwedische
Wohlfahrtsstaat.
Foto: AP


Wann kommst du? Am liebsten gleich, antworten immer mehr europäische Politiker, die sich zunehmend am hohen Norden orientieren. "Da müssen wir umsteuern, so wie es Skandinavien schon lange gemacht hat", meinte im vergangenen Sommer Kurt Beck, Chef der deutschen Sozialdemokraten, in einem Fernsehinterview.

Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland haben geschafft, was manche Ökonomen für unmöglich halten: Die Wirtschaft boomt, und das trotz hoher Steuern und eines gut ausgestatteten Sozialstaats. "Im Durchschnitt übertreffen die nordischen Länder die angelsächsische Konkurrenz in den meisten Dimensionen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit", behauptete der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Jeffrey D. Sachs im November 2006 in einem Beitrag für den Scientific American.

Die Skandinavier punkten in allen Bereichen

Die allgemeine Begeisterung ist nachvollziehbar. In fast jeder Studie, ob zur Armutsrate, Pressefreiheit oder Lebenserwartung, belegen die Skandinavier die vorderen Plätze. Finnland stellt in der Pisa-Umfrage Jahr für Jahr die schlauesten Schüler. In Dänemark fühlen sich die Arbeitnehmer sicherer als in Deutschland, obwohl ein Viertel von ihnen jedes Jahr den Job wechselt. Die Schwedinnen bringen durchschnittlich 1,8 Kinder zur Welt. Außerdem ist das Gesundheitssystem kostenlos, es gibt ein umfassendes Netz an Kinder-tagesstätten und das soziale Netz scheint stabil. Politikerdelegationen geben sich in Helsinki, Stockholm oder Kopenhagen seit Jahren die Klinke in die Hand, weil sie wissen wollen, wie es funktioniert - das skandinavische Modell.

Die Erwartungen sind hoch. Das Modell soll nämlich nicht nur die Blaupause für Sozialreformen in einzelnen Staaten liefern, sondern irgendwann vielleicht ganz Europa beglücken. "Ein europäisches Sozialmodell, das diesen Namen verdient, garantiert Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit, es verhindert die Spaltung der Gesellschaft, indem es soziale Grundrechte sichert, und es trägt dazu bei, den Europagedanken bei den Bürgerinnen und Bürgern Europas zu verfestigen," formulierte der Sozialwissenschaftler Josef Weidenholzer im österreichischen Standard vom 28. Februar 2006 seinen Anforderungskatalog.

Schweden ist das Urmodell

Was macht das skandinavische Modell aus? Vereinfacht gesagt wird mit hohen Steuern ein gut ausgebauter und in vielen Belangen aktiver Sozialstaat finanziert, der umfassend für seine Bürger sorgt. Schaut man genauer hin, wird es schnell differenziert und komplex. Unter den skandinavischen Ländern, die jeweils andere Akzente setzen, gilt Schwedens Umsetzung als die Reinform des Modells.

Die Konturen werden etwa beim Vergleich mit Großbritannien deutlich, das die Vorstellung von einem residualen Wohlfahrtsstaat pflegt und damit in Europa den Gegenpol zu Skandinavien bildet. Der schwedische Spitzensteuersatz beläuft sich auf 56 Prozent, in Großbritannien sind es 40 Prozent. Die Staatsquote, also die Ausgaben der öffentlichen Körperschaften und der Sozialversicherungen, beträgt in Schweden 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts, in Großbritannien sind es 44 Prozent. Nicht zählbare, aber mindestens ebenso wichtige Bestandteile des skandinavischen Systems sind hohe Investitionen in Bildung, Weiterbildung und Forschung, eine kinder- und frauenfreundliche Familienpolitik und starke, aber moderate Gewerkschaften.

Für den deutschen Grünen-Politiker Karl-Martin Hentschel ist die Bürgernähe das Besondere des skandinavischen Modells, wie er am 9. März 2007 in der tageszeitung feststellte: "Die Kommunen sind der Staat. Sie kassieren zum Beispiel den größten Teil der Einkommensteuern… Mit dem Zentralstaat hat der normale Bürger nur zu tun, wenn er zum Militär muss, zur Polizei oder zum Gericht - also zu den klassischen Organen des Obrigkeitsstaates. Angesichts der Bedeutung der Kommunen ist es kein Wunder, dass die Bürger bereit sind, hohe Steuern zu zahlen. Sie sehen vor Ort, was damit geschieht."

Frühzeitiger Umbau des Sozialstaats

Während europäische Nachbarn das nordische Modell anpreisen, gilt es in Skandinavien selbst nicht als unantastbar. In den letzten Jahren wurde angesichts des gesellschaftlichen Alterungsprozesses auch dort der Wohlfahrtsstaat gestutzt. Der schwedische Expressen begrüßte am 22. September 2007 strengere Regeln für Langzeitarbeitslose, die von der bürgerlichen Regierung angekündigt wurden. "Es geht darum, ein System umzubauen, in dem 1,5 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter außerhalb des Arbeitsmarktes standen, als die Sozialdemokraten die Macht abgaben."

Auch in Dänemark wird umgebaut. Dabei gilt das Land für nordische Verhältnisse ohnehin schon als nahezu neoliberal. Flexicurity nennt sich die dortige Variante der skandinavischen Arbeitsmarktpolitik. Die Hürden für Einstellung und Kündigung sind so niedrig wie sonst nur in Irland und Großbritannien, dafür gibt es hohe Arbeitslosengelder und eine gut ausgebaute Arbeitsvermittlung. Das ergibt einen sehr dynamischen Arbeitsmarkt mit viel Bewegung. Mehr als ein Viertel der dänischen Arbeitnehmer wird jedes Jahr arbeitslos – aber meist nur für kurze Zeit.

Bei Reformen, die von Regierung und Opposition gemeinsam getragen werden, schreckt man in Dänemark auch vor unpopulären Maßnahmen nicht zurück. Schon im vergangenen Jahr einigte man sich auf die Rente mit 67 Jahren und schuf Anreize für einen schnelleren Studienabschluss. Die dänische Tageszeitung Berlingske Tidende begrüßte am 21. Juni 2006 den Schritt. "Die Regierung hat die Bürger vorsichtig und über eine sehr lange Zeit auf diesen Eingriff vorbereitet. Er wurde akzeptiert, denn eine leichte Kurskorrektur heute ist besser als radikale Maßnahmen später."

Ist das Modell überhaupt ein Modell?

Mit seinen wirtschaftsliberalen Zügen macht Dänemark deutlich, wie schwer es ist, tatsächlich von einem skandinavischen System insgesamt zu sprechen. Die Wirtschaftsjournalistin Inga Michler findet den Begriff fragwürdig und kam am 30. Juni 2006 in der Welt zu dem Schluss: "Ein in sich konsistentes Modell aber, das sich auf Deutschland übertragen ließe, das gibt es nicht."

Auch die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter dämpfte mit Blick aufs Ausland die hohen Erwartungen. Die Wirtschaft habe sich seit der Krise Anfang der Neunziger Jahre zwar erholt, schrieb sie am 9. März 2007, "doch es ist unsinnig, von einem skandinavischen Wunder zu sprechen."

Skeptiker meinen, die skandinavische Wirtschaft wachse nicht wegen, sondern trotz eines überdimensionierten Wohlfahrtsstaates - noch. "Der europäische Sozialstaat ist wie eine Mutter", analysierte Martin Wolf am 1. März 2006 in der Financial Times. "Er beschützt, aber er schränkt auch ein. Seine hohen Steuern und Sozialabgaben halten alle davon ab, zu erfolgreich zu sein." Martin de Vlieghere erklärte das skandinavische Modell in einem Beitrag für das Brussels Journal sogar zum Mythos und verwies auf den Wohlfahrtsindex der OECD, in dem die skandinavischen Länder kontinuierlich absinken. Die wahren europäischen Helden sind laut Vlieghere die Iren, die in nur 18 Jahren vom 22. auf den 4. Platz vorgerückt sind – dank niedriger Steuern.

Skandinavischer und osteuropäischer Pragmatismus

In Osteuropa, wo die nationalen Volkswirtschaften einen gewaltigen Transformationsprozess leisten mussten, orientiert man sich in der Tat eher an Irland als an Skandinavien. In der Gazeta Wyborcza vom 21. September 2006 forderte Witold Gadomski die Polen auf, Anstrengungen zu unternehmen, es den Iren gleichzutun. "Ohne eine Reform der öffentlichen Finanzen, den Beitritt zur Euro-Zone, Senkung der Steuern und strukturelle Reformen (Liberalisierung des Energiemarktes, der Telekommunikation, Bahnleistungen) und ohne den Abschluss der Privatisierung wiederholt Polen das irische Wunder nicht."

In den baltischen Ländern, deren Transformtionsprozess vergleichbar ist, fühlt man sich nicht nur geografisch dem Norden näher: "Ist Irland wirklich das große Vorbild für Estland?" fragte die estnische Zeitung Postimees am 22. Februar 2007. "Gewiss, das Modell Irland ist todsicher, denn dort besteht ein gesellschaftlicher Konsens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern über die geeigneten Rahmenverträge - aber Irland hat seine wichtigen industriellen Weichen schon vor einem Vierteljahrhundert gestellt. Es klingt wie ein Klischee, doch für Estland muss die Alternative eine wissenschafts- und forschungsbasierte Wirtschaft sein."

Die Skandinavier selbst sind von Irlands Wirtschaftswachstum zwar beeindruckt, grundsätzlich aber mit dem Kurs ihrer Regierungen einverstanden. "Das ist aber keine Garantie", erklärt der schwedische Sozialwissenschaftler Joakim Palme im Interview mit euro|topics. "Die Skandinavier befürworten die hohen Steuern nur so lange, wie sie im Gegenzug vom Staat auch hochwertige Leistungen erhalten." Keine nordische Sozialromantik also, sondern eher ein Vertrag auf Zeit. Derzeit spricht nichts dafür, dass in Schweden der Wohlfahrtsstaat in Bedrängnis geraten könnte. Doch "ingenting är omöjligt", nichts ist unmöglich, gilt auch in Schweden. Nicht umsonst wirbt das global erfolgreiche Möbelunternehmen in der Heimat mit diesem Slogan.

 
Christoph Mayerl
Christoph Mayerl, geboren 1976, studierte Journalistik, Philosophie und Politik im bayerischen Eichstätt. Er lebt als freier Journalist in Berlin.
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Original in Deutsch

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Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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