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Kosovo - ein Überblick über die Geschichte

von Norbert Rütsche


Bei den oft sehr emotional geführten Diskussionen über den künftigen Status des Kosovo wird von allen Seiten immer wieder die Geschichte bemüht, um den Anspruch auf das Gebiet zu begründen. Ein – möglichst sachlicher – Überblick über die Geschichte des Kosovo vom Mittelalter bis heute.


Der UN-Sondergesandte Martti Ahtisaari schlägt für das Kosovo eine eingeschränkte Souveränität unter Aufsicht der Europäischen Union (EU) vor. Belgrad lehnt dies entschieden ab. Die Kosovo-Albaner dagegen begrüßen den Ahtisaari-Plan. Für sie kann die Unabhängigkeit von Serbien nicht schnell genug kommen. Beide Seiten benutzen historische Entwicklungen und Erfahrungen als wichtige Argumente für die Untermauerung ihrer Positionen. Heute sind etwa 90 Prozent der rund 1,9 Millionen Einwohner des Kosovo ethnische Albaner, circa 6 Prozent sind Serben und 4 Prozent gehören kleineren Minderheiten an. Das Kosovo umfasst rund 11.000 Quadratkilometer und ist damit etwa halb so groß wie das deutsche Bundesland Hessen.

Soldat mit Sprengfalle: Noch Jahre nach Kriegsende gefährdeten derartige Waffen die Zivilbevölkerung.
Foto: UN


Herzstück des mittelalterlichen serbischen Staates

Unter König Stefan Dusan (Regierungszeit 1331-1355) bildete das Kosovo das Herzstück des mittelalterlichen serbischen Staates, der von Belgrad bis ins heutige Griechenland reichte. In dieser Zeit entstanden im Kosovo für die serbisch-orthodoxe Kirche wichtige Klöster wie jene in Decani, Gracanica oder Pec, die noch immer bestehen. 1346 wurde Pec zum Sitz des Patriarchen der serbisch-orthodoxen Kirche. Am 28. Juni 1389 unterlag Fürst Lazar bei der Schlacht auf dem Amselfeld dem Heer des osmanischen Sultans Murat I., wobei beide Heerführer ums Leben kamen. Trotz Lazars Niederlage machte ihn die serbisch-orthodoxe Kirche zum Märtyrer und sprach ihn heilig. Er und sein Heer hätten sich als letztes Bollwerk in Europa mutig und heldenhaft den muslimischen Osmanen entgegengestellt und sich im Kampf für Volk und Glauben geopfert. Das Kosovo ist für viele Serben bis heute "heiliges Land".

Übertritt der Mehrzahl der Albaner zum Islam

Auch nach der endgültigen Unterwerfung des serbischen Staates durch die Osmanen im Jahr 1459 blieb eine klare Mehrheit der Kosovo-Bevölkerung serbisch, doch der Anteil der Albaner mit ihrer völlig eigenständigen Kultur und Sprache nahm stetig zu. Das nationale Erwachen der Serben im 19. Jahrhundert orientierte sich weitgehend am verklärten Bild des mittelalterlichen serbischen Staates mit dem Kosovo als "Wiege des Serbentums". Viele Serben, die auch unter osmanischer Herrschaft zumeist Christen geblieben waren, verurteilten die Albaner dafür, dass sie in ihrer Mehrzahl vom Christentum zum Islam, der Religion des osmanischen Erzfeindes, übergetreten waren.

Repressalien, Übergriffe, Rachakte

Als das Osmanische Reich in den Balkankriegen immer weiter zurückgedrängt wurde, legten die europäischen Großmächte 1912 die Grenzen des neu gegründeten Albanien fest. Dieses schloss aber lediglich die Hälfte der albanischstämmigen Bevölkerung ein. Das Kosovo wurde nach dem Ersten Weltkrieg Teil des neuen jugoslawischen Staates, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Von vielen Serben wurden die Albaner als Störfaktor im alten serbischen Land angesehen und waren von Anfang an schweren Repressalien ausgesetzt. Schulunterricht und das Publizieren in albanischer Sprache waren verboten. Die Albaner reagierten mit einem Kleinkrieg gegen Armee und Polizei sowie zum Teil mit Übergriffen auf die serbische Bevölkerung.

1941, nach der Kapitulation Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg, wurde fast das gesamte Kosovo ein Teil des von Mussolini ausgerufenen und dann von den Nazis übernommenen "Großalbaniens". Die Umkehr der Machtverhältnisse führte zu Racheakten von Albanern an Serben, vornehmlich an Kolonisten, die in den 1920er-Jahren im Kosovo angesiedelt worden waren, um dort den serbischen Bevölkerungsanteil zu erhöhen. Rund 20.000 Serben flohen, viele wurden getötet.

Autonomie, aber keine Republik unter Tito

Im Tito-Jugoslawien nach 1945 bekam das Kosovo, ebenso wie die Vojvodina, den Status einer autonomen Provinz innerhalb der Teilrepublik Serbien zugesprochen. Zu dieser Zeit lebten 790.000 Menschen im Kosovo, davon 68 Prozent Albaner und 24 Prozent Serben. Aleksandar Rankovics berüchtigte Geheimpolizei übernahm mehr und mehr die Kontrolle über das Kosovo. Rankovic veranlasste, dass von 1945 bis 1966 rund 200.000 als "Türken" registrierte muslimische Kosovo-Albaner in die Türkei umgesiedelt wurden. 1966 setzte ihn Tito ab. Mit der neuen jugoslawischen Verfassung bekamen die beiden autonomen Provinzen 1974 fast denselben Status wie die sechs Teilrepubliken. Das Recht, einen eigenen Staat ausrufen zu können, blieb dem Kosovo und der Vojvodina allerdings verwehrt.

Rasantes Bevölkerungswachstum bei den Kosovo-Albanern

Am 4. Mai 1980 starb Tito, der für die Kosovo-Albaner eine Art Protektor war. Ein Jahr später forderten kosovo-albanische Studierende bei gewalttätigen Protesten in Pristina den Republikstatus für das Kosovo. Zahlreiche Serben verließen in den 1980er-Jahren das Kosovo mit der Begründung, die Albaner würden sie diskriminieren und schikanieren. Allerdings dürfte die anhaltende katastrophale wirtschaftliche Lage, die auch viele Kosovo-Albaner als Gastarbeiter in die Emigration trieb, ein wesentlicher Grund für die serbische Abwanderung gewesen sein. Zudem führte das rasante Bevölkerungswachstum der Kosovo-Albaner in den 1980er-Jahren zu ständigen Auseinandersetzungen. Viele Serben warfen ihnen vor, dadurch bewusst die Mehrheits- und Machtverhältnisse verändern zu wollen. Gemäß der Volkszählung von 1981 waren 77 Prozent der damals 1,6 Millionen Einwohner des Kosovo Albaner, 13 Prozent Serben, und 10 Prozent Angehörige anderer ethnischer Gruppen.

Aufhebung der Provinzautonomie

Die aufgeheizte und zusehends nationalistischere Stimmung unter den Serben bildete die Basis für den Aufstieg von Slobodan Milosevic. Im September 1987 zum Präsidenten Serbiens gewählt, setzte er der Autonomie der Provinz Kosovo schon bald ein Ende und löste 1990 dessen Parlament und Regierung auf. Als Reaktion riefen die Albaner nach einem Referendum 1991 den souveränen "Staat Kosovo" aus, den aber nur Albanien anerkannte. Der Schriftsteller Ibrahim Rugova, der konsequent auf gewaltlosen Widerstand setzte, wurde 1992 bei einer inoffiziellen Wahl mit 99,5 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt.

Systematische Serbisierung

Die Jahre nach der Aufhebung der Provinzautonomie waren geprägt von einer systematischen Serbisierung. So mussten zum Beispiel alle Schulen nach dem serbischen Lehrplan unterrichten, den kosovo-albanischen Ärzten und Pflegekräften an den öffentlichen Krankenhäusern wurde massenhaft gekündigt. Tausenden von Kosovo-Albanern in anderen Bereichen erging es ebenso, sofern sie sich nicht per Unterschrift zur Loyalität mit Serbien verpflichteten. Ein Boykott sämtlicher serbischer Institutionen durch die Kosovo-Albaner war die Folge. Gleichzeitig bauten diese im Untergrund ein paralleles Schul- und Gesundheitssystem – meist in Privathäusern – auf. Durch alltäglichen Polizeiterror entstand ein Gefühl großer Unsicherheit und Angst unter den Kosovo-Albanern.


 

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Norbert Rütsche
Norbert Rütsche ist freier Journalist und lebt seit 2005 in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajewo. Er schreibt regelmäßig für deutschsprachige Tages- und Wochenzeitungen sowie das Korrespondentennetzwerk ...
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Original in Deutsch

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