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Mittler zwischen den Worten

von Julia Rosch


Geldverschwendung oder Grundvoraussetzung für EU-Politik? Die EU hat den größten Übersetzungsapparat der Welt. Rund 1000 Dolmetscher sind täglich im Einsatz, um die Kommunikation zwischen den Abgeordneten zu gewährleisten.


EU-Dolmetscher bei der Arbeit. Foto: EP – Audiovisual Unit

Die Kabinen der Dolmetscher umgeben die Abgeordneten wie ein schützender Kreis. Während die Mitglieder im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit Platz nehmen, positionieren sich die Dolmetscher hinter ihrem einzigen Hilfsmittel – dem Mikrofon. Als der tschechische Vorsitzende auf Englisch "Guut Morrrnink" in das Mikrofon schnarrt, geht ein Raunen durch die schalldichte Kabine der Franzosen: "Ah, celui-là, il a un accent grave...!" (Oh nein, er hat einen starken Akzent...!)

Viele Abgeordnete sprechen lieber Englisch als ihre Muttersprache. Das macht die Arbeit für Michel Lesseigne und seine beiden Kolleginnen in der französischen Kabine nicht leicht. Der Belgier mit den kurzen gegeelten Haaren arbeitet seit fast 30 Jahren als Dolmetscher für die EU. Die Tendenz vieler Abgeordneter zum Englischen hält er für "snob". "Sie alle haben die Möglichkeit ihre Muttersprache zu sprechen. Warum tun sie das nicht? Sie könnten sich um Längen besser ausdrücken!" Lesseigne holt tief Luft, schlägt die Beine übereinander und rettet die Worte des Tschechen ins Französische, seine Muttersprache. "Ich übersetze das Gesagte nicht Wort für Wort, das wäre für den ein oder anderen Abgeordneten recht peinlich. Ich übersetze nur die Botschaft", erklärt er später.

Jeder Dolmetscher im EU-Parlament beherrscht neben seiner Muttersprache drei Fremdsprachen, manche mehr. An diesem Tag übersetzt Michel Lesseigne simultan aus dem Englischen, Deutschen, Niederländischen und Spanischen ins Französische. Fünf bis sechs Jahre hat er jede einzelne Sprache gelernt und viele Reisen gemacht. Er hat einige Zeit in Deutschland gelebt und in England. Seit rund 30 Jahren arbeitet er in Brüssel. "Hier zu leben, ist manchmal sehr anstrengend", sagt er. Um Ruhe zu finden, zieht Lesseigne sich in sein Haus auf den Kanaren zurück. Der Alltag eines Dolmetschers ist Adrenalin pur. Die Themen und Sprachen können in den Sitzungen abrupt wechseln: Von Batterien und Akkumulatoren auf Deutsch über Bestimmungen zur Einfuhr von Hausvögeln in die EU auf Spanisch bis hin zu komplizierten Fragen des Urheberrechts im Internet auf Englisch kann alles auf einen Dolmetscher zukommen.

Michel Lesseigne. Foto: EP – Audiovisual Unit

Seine Sprachen behandelt Michel Lesseigne wie ein gerechter Familienvater. Mit jeder Sprache verbindet er bestimmte Eigenschaften: Das Deutsche ist eher der rationale Typ und in der Übersetzung am schwierigsten. Das Niederländische wiederum schwinge vor Rhythmus und Musikalität. Am Englischen reizt ihn besonders die Literatur. Das Spanische ist der Nachzügler: "Ich habe Spanisch erst gelernt, als ich bereits ein regelmäßiges Einkommen hatte. Die Sprache ist viel ausgreifender als die anderen, weil sie den südamerikanischen Kontinent einbezieht." Sprachenlernen ist für Lesseigne, wie in eine neue Religion einzutauchen: "Ich habe mich ihnen völlig untergeordnet." Nicht er beherrscht die Sprache, sondern die Sprachen beherrschen ihn.

Als die Zahl der Amtssprachen in der EU im Jahr 2004 auf 20 (acht neue Sprachen kamen auf einmal hinzu) und 2007 von 20 auf 23 Sprachen stieg, glaubte Lesseigne, es käme endgültig zur Kakophonie: "Ich hätte nie gedacht, dass alles so reibungslos funktionieren würde. Wie in einem Wunder, sind die Dolmetscher immer rechtzeitig zur Stelle!"

Rita Silva sorgt dafür, dass in der Übersetzungsmaschinerie des EU-Parlaments keine Pannen passieren. Die resolute 50jährige Portugiesin sitzt in einem mit Katzenbildern geschmückten Büro und raucht. Konzentriert betrachtet sie endlose Exceltabellen: 506 Sprachkombinationen sind möglich im Europäischen Parlament; das erfordert eine generalstabsmäßige Planung.
Nach einigen Minuten gibt Rita Silva Preis: "Heute Vormittag sind exakt 562 Dolmetscher im Einsatz."

Wöchentlich koordiniert sie den Dienst von etwa 1000 Dolmetschern in Straßburg oder in Brüssel, je nachdem wo das Parlament tagt. Natürlich mangele es manchmal an Dolmetschern, insbesondere bei selten gesprochenen Sprachen wie Gälisch oder Maltesisch, erklärt Rita Silva, die selbst fünf Sprachen beherrscht. Wenn eine direkte Übersetzung nicht mehr möglich ist, tritt das Relais-System in Kraft: Die ungarischen oder rumänischen Dolmetscher übersetzen ihre eigene Sprache ins Englische oder Französische, die deutschen Dolmetscher greifen für ihre Übersetzung auf diese Brückensprache zurück. "Sprachen sind vor allem eine politische Angelegenheit", erklärt Rita Silva das komplizierte Vorgehen, "Jeder Abgeordnete hat das Recht seine Muttersprache zu sprechen; Politiker müssen nicht polyglott sein!"

Die livrierten Kellner, die im Sitzungssaal Tee und Kaffee serviert haben, kommen zuletzt in die Kabinen der Dolmetscher. Während seine beiden Kolleginnen nach vorne gelehnt in ihren Stühlen sitzen und dem Sitzungsverlauf folgen, überträgt Michel Lesseigne die schnelle Rede einer deutschen Abgeordneten: "durch die kalte Küche" sagt die Deutsche. "par la petite porte" sagt Lesseigne, was zurückübersetzt "durch die Hintertür" heißt. "Das Kind mit dem Bade ausschütten" sagt die Deutsche, "lâcher la proie" hören die französisch-sprachigen Abgeordneten im Saal, "loslassen" im weiteren Sinne. Lesseigne spricht mit fester Stimme, fast zeitgleich mit der Deutschen. "Im besten Falle weiß ich, was der Redner als nächstes sagen wird." Das funktioniert nur selten. Manch ein Abgeordneter verläuft sich in den eigenen Sätzen; Worte und Zunge überschlagen sich. Der Vorsitzende ermahnt die Redner sich kurz zu halten, trotzdem möchten die Abgeordneten in wenigen Minuten soviel wie möglich sagen. Sobald die Rednerin Zahlen in den Raum wirft, macht Michel Lesseigne Notizen. Sagt die Abgeordnete gerade "einhundertneunzig" oder "einundneunzig"? Eine verschluckte Silbe könnte entscheidend sein. Die Redezeit ist um: Die deutsche Abgeordnete lässt sich in ihren Stuhl fallen. Michel Lesseigne drückt den roten Knopf seiner Dolmetschkonsole: Das Mikro ist aus, auch er lehnt sich zurück und wischt sich die schweißnassen Hände am grauen Anzug ab.

Seine Kollegin übernimmt das Mikrofon. Während ihre Hände sich ineinander verknoten, wechselt der Ausschuss das Thema: Es geht plötzlich nicht mehr um CO2-Emissionen von Kleinwagen, sondern um verchlortes Geflügel aus den USA. Ein großer Teil der täglichen Arbeit sei eben vom Chaos bestimmt und Voraussagen mag hier niemand treffen, sagt Michel Lesseigne. Er hört heute zum ersten Mal von verchlortem Geflügel. Auch wenn er bald in Rente gehen kann, ans Aufhören denkt Michel Lesseigne noch lange nicht. Erstmal möchte er auf eine halbe Stelle reduzieren, um mehr Zeit auf den Kanaren zu verbringen. "Nach drei Wochen fehlt mir der Stress."

Weiterführende Links:

Ausgaben für Dolmetschleistungen

Weitere Zahlen

Darstellung des Dolmetschdienstes

Sprachen im EU-Parlament

Mehrsprachigkeit

 
Julia Rosch
Julia Rosch ist Volontärin in der Online-Redaktion der Bundeszentrale für politische Bildung.
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Original in Deutsch

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