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Sinti und Roma als Feindbilder

von Peter Widmann, Brigitte Mihok


In vielen europäischen Ländern schlagen Sinti und Roma starke Ablehnungsgefühle entgegen. Brigitte Mihok und Peter Widmann analysieren die Vorurteile gegen Sinti und Roma, die in den europäischen Gesellschaften eine lange Tradition haben.


Sinti und Roma gehören in vielen europäischen Ländern zu den Volksgruppen, denen starke Ablehnungsgefühle entgegen schlagen. Die Fremdbezeichnung "Zigeuner" ist häufig als Schimpfwort gemeint, daher lehnen sie viele Angehörige der Minderheit ab.

Rumänische Roma Kinder in einer Schule in Braila.
Foto: AP


In einem großen Teil der Fälle ist die Aversion, wie die sozialwissenschaftliche Vorurteilsforschung zeigt, unabhängig von persönlicher Erfahrung. Die ihr zugrunde liegenden Vorurteile beruhen auf pauschalen Unterstellungen und Phantasien. Pauschalurteile zeigen sich dabei etwa in der nicht belegbaren Annahme, es gebe in der Minderheit eine besondere Neigung zu Betrug und Diebstahl, oder in Phantasievorstellungen, wie sie in Geschichten vom Kinder raubenden "Zigeuner" zum Ausdruck kommen, für die jede historische Bezeugung fehlt. Gleichzeitig verbreitete sich auch ein romantisches Klischee vom "Zigeuner", dem die Musik im Blut liege, der in einer kalt-rationalen Welt Naturverbundenheit und Freiheit, Magie und Geheimnis verkörpere.

Die Wirklichkeit hat mit den Mythen wenig gemein. Das zeigen bereits die irreführenden Etiketten: "Die Zigeuner" als homogenes Volk existieren nicht. Die mit dem Wort Bezeichneten gehören in Wirklichkeit verschiedenen Gruppen an, die in allen Ländern Europas und darüber hinaus leben. Man schätzt ihre Zahl in Europa auf 7 bis 8,5 Millionen. Jede Gruppe verfügt über eine Identität, die sich in der Eigenbezeichnung spiegelt. Als "Sinti" bezeichnen sich die Angehörigen einer seit über sechs Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum ansässigen Gruppe, in anderen Ländern haben sich Eigenbezeichnungen wie "Manouches" oder "Kalé" verbreitet.

Ebenso entspricht die Vorstellung, Sinti und Roma seien heimatlose Nomaden, eher den Phantasien der Mehrheitsgesellschaft als der Realität. Zwar lebte ein beträchtlicher Teil der Minderheit lange Zeit von mobilen Gewerben, vom Handel mit Textilien oder Kurzwaren, als Schmiede, Korb- und Siebmacher, als Musiker oder Schausteller. Der größte Teil der Sinti und Roma im deutschsprachigen Raum ist jedoch im Lauf des 20. Jahrhunderts sesshaft geworden. Auch die Roma in Osteuropa sind seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts sesshaft. Begriffe wie "Heimatlosigkeit" oder "Nomadismus" führen daher in die Irre.

Ebenso fehl geht die Annahme, Sinti und Roma folgten generell einer der Tradition verhafteten Lebensweise, die sie grundsätzlich von der Mehrheitsgesellschaft abhebe. Tatsächlich ist das Spektrum der Lebensstile innerhalb der Minderheit so weit wie in der Mehrheit. Fragt man Sinti und Roma, was ihre Kultur ausmache, erhält man verschiedene, mitunter sich widersprechende Auskünfte. Neben der Sprache kehrt in den Antworten allenfalls die im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft höhere Wertschätzung von Familie und Verwandtschaft regelmäßig wieder. Respekt vor Älteren und familiärer Zusammenhalt sind in den Kulturen der Sinti und Roma wichtige Werte. Sie dürften im Zusammenhang mit der Verfolgungsgeschichte stehen: Weil Sinti und Roma auf Hilfe aus der Mehrheitsgesellschaft nicht bauen konnten, war Solidarität in der Gruppe um so wichtiger.

Die Vorurteile haben in den europäischen Gesellschaften eine alte Tradition. Im deutschsprachigen Raum prägten sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend das Handeln der Polizei- und Lokalbehörden. Dabei entwickelte sich ein Ausgrenzungsmuster, das im amtlichen Sprachgebrauch bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts als "Bekämpfung der Zigeunerplage" bezeichnet wurde. Unter nationalsozialistischer Herrschaft eskalierte die Verfolgung zum Völkermord, dem ein großer Teil der Sinti und Roma in Deutschland und im von der Wehrmacht besetzten Europa zum Opfer fiel.

In allen europäischen Ländern beziehen die Vorurteile ihre gegen sachliche Widerlegung vielfach immune Haltbarkeit unter anderem aus der Eigendynamik, die das pauschale Dämonisieren von Gesellschaftsgruppen auslöst. Dabei zwingen die Stereotype die Angehörigen der Minderheit in eine soziale und wirtschaftliche Lage, in der sie die Ansichten der Bevölkerungsmehrheit scheinbar bestätigen. Indem etwa Lokalbehörden Sinti und Roma in der Annahme ihrer Unintegrierbarkeit aus Städten vertrieben und sie allenfalls auf abgelegenen Stellplätzen ohne Strom- und Wasserversorgung duldeten, entstand für die Umgebung der Augenschein einer Menschengruppe, die sich für ein Zugehen auf ihre Umwelt nicht interessiere. So erzeugten die Verfechter der Ausgrenzung erst die Optik, auf die sie sich zur Rechtfertigung ihrer Vorurteile berufen konnten. Dabei wirkte soziale Wahrnehmung als sich scheinbar selbst erfüllende Prophezeiung.

In ähnlicher Weise finden sich bis heute Teile der Minderheit in vielen europäischen Ländern an den Rand gedrängt. Sechzig Prozent der Roma Ungarns leben in Regionen mit schwacher Wirtschaftskraft und Infrastruktur. Die Hälfte dieser Gruppe bewohnt kleine isolierte Dörfer und leidet unter unzureichenden Wohnungen und schlechten Lebensbedingungen. In miserabler Lage sind auch viele Roma Rumäniens. Ein guter Teil der Minderheit lebt in verfallenen Vorortsiedlungen großer Städte und in Baracken neben Müllhalden. Auch in der Tschechischen Republik wohnen die meisten Roma in Ghettos am Rande früherer Industriezentren. Administrativ geförderte Segregation führte in der Slowakei dazu, dass sich die Zahl der Roma-Siedlungen seit 1988 fast verdoppelte. In ihnen lebt ein Drittel der slowakischen Roma unter elenden Bedingungen.

Es sind indes nicht allein die neu in die Europäische Union eingetretenen Staaten, in denen der Teufelskreis aus Vorurteil und Ausgrenzung zu erkennen ist. Als viele Roma aus dem zerfallenen Jugoslawien vor bewaffneten Konflikten und Vertreibungen flohen, erfuhren sie auch in den Zufluchtsländern Ausgrenzung. Aus Angst vor weiterem Zuzug brachten viele deutsche Behörden die Flüchtlinge in jahrelang aufrecht erhaltenen Provisorien unter, die abschrecken sollten. Man erklärte alte Schulhäuser, Verwaltungsgebäude und heruntergekommene Hotels zu Wohnheimen. Viele Unterkünfte befanden sich an den Rändern der Städte und in Gewerbegebieten mit schlechter Verkehrsanbindung. Vielfach war die Bausubstanz marode, fehlte soziale Betreuung. In Köln etwa quartierte man Ende der neunziger Jahre Flüchtlinge auf dem Gelände der ehemaligen Chemiefabrik Kalk ein und auf dem Schiff "Transit" im Deutzer Hafen, andere brachte man in Kasernen und Zelten unter. Anstelle von Bargeld versorgte man die Flüchtlinge durch Sammelverpflegung, Gutscheine und Sachleistungen. In Hamburg bot sich im Sommer des Jahres 1999 ein ähnliches Bild. 200 Flüchtlinge aus dem Kosovo, darunter 100 Kinder, wohnten auf dem Schiff "Bibby Altona". In manchen Städten hat sich, wie amtliche Dokumente und Auskünfte lokaler Fachkräfte zeigen, für einen Teil der Familien zum Dauerzustand verfestigt, was als Übergang gedacht war. In einigen Wohnheimen kumulieren Integrationshindernisse, so dass sie zu stigmatisierten Orten der Verlierer zu werden drohen.

Trotzdem liegt falsch, wer die Minderheit als homogene Gruppe hilfloser Opfer sieht. Medien und ein Teil der Behörden nehmen Problemgruppen innerhalb der Minderheit als typisch für alle Roma wahr. So bleiben geglückte Integrationsschritte derer unsichtbar, die nicht zur Zielgruppe lokaler Entscheidungen und Maßnahmen werden, derer, die für ihre Umgebung nicht als Roma erkennbar sind, die nicht auf Soziale Dienste oder Roma-Organisationen angewiesen sind und Normalität zu erreichen versuchen, trotz aller Bürokratie und Ressentiments.

Glossar

Begriffe "Sinti" und "Roma"

Als Sinti bezeichnen sich die Angehörigen einer Gruppe, deren Vorfahren vermutlich vor rund 600 Jahren in deutschsprachiges Gebiet einwanderten. Roma nennen sich dagegen die Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert aus ost- und südosteuropäischen Ländern nach Deutschland gekommen sind. Die deutschen Sinti sind deutsche Staatsbürger. Immer wieder ist im Zusammenhang mit ost- und südosteuropäischen Ländern von "Sinti und Roma" die Rede - zu Unrecht, leben doch dort kaum Sinti, sondern verschiedene Roma-Gruppen.

Sinti:
Singular (m.): Sinto
Plural (m.): Sinti
Singular (w.): Sintiza
Plural (w.): Sintiza

Roma:
Singular (m.): Rom
Plural (m.): Roma
Singular (w.): Romni
Plural (w.): Romnija




 
Peter Widmann
Dr. Peter Widmann, geb. 1968, ist seit 2004 Wissenschaftlicher Assistent am
Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.
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Brigitte Mihok
Dr. Brigitte Mihok, geb. 1958 in Arad/Rumänien, ist seit dem
08.01.2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für
Antisemitismusforschung der TU Berlin.
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Original in Deutsch

© Bundeszentrale für politische Bildung

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