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Die Rolle der Religion in der griechischen Gesellschaft

von Effie Fokas


Das orthodoxe Christentum spielt in vielen Ländern Süd-Osteuropas eine wichtige Rolle. Welche Merkmale diese Religionsgemeinschaften ausmachen, wissen nur wenige. Effie Fokas zeigt am Beispiel von Griechenland, wie die orthodoxe Kirche Einfluss auf die Politik nimmt und welche Bedeutung sie für die griechische Gesellschaft hat.


Gläubige
Orthodoxe Christinnen beim Gebet.


Orthodoxie und Christentum in Europa

Der christlich-orthodoxe Glaube gehört zu den undurchsichtigsten Erscheinungen in der europäischen Religionslandschaft. Obwohl im Zuge der letzten EU-Erweiterung viele orthodox gläubige Bevölkerungsgruppen in die EU aufgenommen wurden, sind die Vorstellungen vom orthodoxen Glauben in seinen verschiedenen Ausprägungen außerhalb der eigenen Grenzen noch immer unklar und schlecht entwickelt. Dafür gibt es eine Anzahl logischer Gründe: Die orthodoxe Kirche hat keinen gemeinsamen Repräsentanten, vergleichbar etwa mit dem katholischen Papst, und viele orthodox gläubige Bevölkerungsgruppen, die nun zur EU gehören, unterstanden bis vor kurzem noch einem kommunistischen Regime. Heute mag auch die Ausrichtung dieses Glaubens auf Geheimlehre und Rituale dazu beitragen, dass er von außen betrachtet weniger leicht zu erschließen ist. Mit Sicherheit besteht eine deutliche Abgrenzung zum westlichen Christentum, weshalb zum Teil die Ansicht vertreten wird, dass die Orthodoxie mit Recht einer anderen Zivilisation im Sinne Samuel Huntingtons zuzuordnen ist. In der Regel werden die Unterschiede damit erklärt, dass die Welt des orthodoxen Glaubens weder Renaissance noch Aufklärung durchlaufen habe. Vielmehr hätten Jahrhunderte osmanischer Herrschaft und die Tatsache, dass Generationen orthodox Gläubiger unter kommunistischem Regime standen, zu einer Rückständigkeit vieler europäischer orthodoxer Gemeinschaften geführt, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung einer demokratischen Denkweise.

Papst und Erzbischof
Der verstorbene Erzbischof der griechisch-orhtodoxen Kirche, Christodoulos, und Papst Benedikt XVI, 2006. Es war der erste Besuch eines Oberhaupts der griechisch-orthodoxen Kirche im Vatikan.

Diese verallgemeinerten Vorstellungen werden dadurch gestützt, dass der orthodoxe Glaube im Europäischen Parlament in Brüssel nicht durch einen gemeinsamen Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchats vertreten wird. Auch die Berichterstattung der internationalen Presse über Ereignisse in der orthodoxen Welt führen zu solchen Vorstellungen: die Weigerung der griechisch-orthodoxen Kirche, den Papst im Jahr 2001 zu besuchen oder die anhaltenden Spannungen zwischen ihr und dem Ökumenischen Patriarchat, die seit ihrem Beginn im Jahr 2003 dazu geführt haben, dass der Erzbischof Chistodoulos vorübergehend vom Patriarchat exkommuniziert wurde. Außerdem die Spannungen zwischen der orthodoxen Kirche Mazedoniens und insbesondere der orthodoxen Kirche Serbiens, die vor allem auf die Weigerung der Kirche Serbiens zurückgehen, die Autokephalie (höchster Autonomiegrad der orthodoxen Kirche) der Kirche Mazedoniens anzuerkennen. Auch andere Nachrichten aus der orthodoxen Welt sind ebenso belastend, obgleich anderer Natur: Ein typisches Beispiel ist der umstrittene Verkauf von Land durch das israelische Patriarchat an den Staat Israel im Jahr 2005 im Gegenzug für die Anerkennung des neu gewählten orthodoxen Patriarchen von Jerusalem. Tatsächlich gibt die Berichterstattung in den Medien häufig das wieder, was Richard Clogg als "unbedachte aber schädliche Ignoranz" bezeichnet.

Bei oberflächlicher Betrachtung des Stellenwerts, den die Religion in der griechischen Öffentlichkeit einnimmt, bietet sich ein übertriebenes Bild, das der allgemeinen Darstellung der Orthodoxie in der internationalen Presse und einem großen Teil der wissenschaftlichen Literatur entspricht: Die schlagzeilenträchtigen Ereignisse vermitteln einen ziemlich düsteren Eindruck. Dazu zählen neben den bereits genannten Vorfällen auch die Berichterstattung über den Streit zwischen Kirche und Staat über die Angabe der Religionszughörigkeit im Personalausweis sowie die Serie von Skandalen, die die Kirche 2005 erschütterte. Insgesamt ergibt sich daraus das Bild einer nationalistischen, politisierten und korrupten Kirche, die besonders unvereinbar mit den Normen der europäischen säkularen Neutralität ist.

Dadurch aber entsteht ein Eindruck der Zwangsläufigkeit und es wird wenig zum Verständnis der tatsächlichen Faktoren beigetragen, die solchen Entwicklungen in Zusammenhang mit der griechischen Orthodoxie zugrunde liegen. Stattdessen gilt es, eine Reihe von Zusammenhängen näher zu betrachten, einschließlich der historisch entwickelten Beziehung zwischen Religion und nationaler Identität im Falle Griechenlands, der besonderen Beziehung zwischen Kirche und Staat, die sich in Griechenland auf Grundlage des Letzteren entwickelt hat sowie der Rolle der Handlungsmacht (Agency[1]) und der Kirchenführung.

Historische Zusammenhänge im Hinblick auf die Verbindung von Religion und nationaler Identität

In Griechenland gibt es zahlreiche und tiefe historische Verbindungen zwischen der Religion und der nationalen Identität. Es ist ausreichend, einige Höhepunkte der Entwicklung hervorzuheben, die zu dieser Beziehung im modernen Griechenland geführt haben. Zunächst sind da die Erfahrungen der orthodoxen Kirche im Osmanischen Reich zu nennen, insbesondere die Rolle, die das osmanische Millet-System in diesem Zusammenhang gespielt hat. Unter dem Millet-System wurden nicht muslimische Gemeinschaften in religiöse Gruppen aufgeteilt und unter "Schutz" gestellt. Gegen Zahlung einer besonderen Steuer konnten diese Religionsgruppen im muslimischen Staat leben, ohne zum Islam konvertieren zu müssen. Allerdings galten sie als Bürger zweiter Klasse. Die Millets genossen bestimmte Autonomierechte und wurden im Umgang mit der osmanischen Regierung durch ihre religiösen Oberhäupter vertreten. Obwohl das orthodoxe Millet eigentlich ökumenisch und multinational war, war es tatsächlich stark von den Griechen dominiert. Die Reihe der Patriarchen war griechisch und auch die Sozialverwaltung befand sich fast ausschließlich in griechischer Hand. Deshalb erfüllte die Kirche über ihre institutionelle Rolle hinaus auch eine wichtige psychologische Funktion für die Griechen unter osmanischer Herrschaft: Sie galt als Versorger und Beschützer der Menschen und Bewahrer ihrer nationalen Identität.

Nationale Unabhängigkeit in Griechenland

Griechenland erlangte nach der Revolution gegen das Osmanische Reich (1821-29) nationale Unabhängigkeit. Bezeichnenderweise wurde die Gründung der autokephalen Kirche von Griechenland von dem (bayerischen und protestantischen) dreiköpfigen Regentschaftsrat des (römisch-katholischen) Königs Otto beschlossen, der das gerade unabhängig gewordene Griechenland regierte. Der Regentschaftsrat ging davon aus, dass zur politischen Unabhängigkeit auch die Unabhängigkeit der Kirche gehöre. Die Tatsache, dass die Autokephalie ein revolutionärer Akt - d.h. die Abspaltung vom Patriarchat, ohne dessen Zustimmung- war, war Ausdruck für die Errungenschaft vollständiger nationaler Unabhängigkeit und nationaler Identität.

Die "Große Idee"

Ein weiterer wichtiger Höhepunkt bei der Entwicklung der Verbindungen zwischen orthodoxem Glauben und griechischer nationaler Identität liegt in der "Megali Idea" (Große Idee). Sie beinhaltet die Befreiung der Griechen, die sich außerhalb der Staatsgrenzen Griechenlands noch immer unter türkischer Herrschaft befanden. Hier trafen die Expansionsziele des Staates mit der Vision der religiösen Nationalisten von der "Erlösung" orthodoxer Völker zusammen. Die "Große Idee" beinhaltete eine deutliche Vermischung von Millenarismus und Nationalismus sowie von Orthodoxie und griechischer nationaler Identität. Sie scheiterte mit der Niederlage der griechischen Armee in Kleinasien im Jahr 1922. Nachdem der im Vertrag von Lausanne (1923) beschlossene Bevölkerungsaustausch vollzogen war, wurde die griechische Gesellschaft religiös homogen (97% Orthodoxe).

Die rechtliche Grundlage für die Beziehung zwischen Kirche und Staat

Die rechtliche Grundlage für die gegenwärtige Beziehung zwischen Kirche und Staat ist in der Verfassung von 1975 festgelegt, die nach der Rückkehr zur Demokratie im Anschluss an die von 1967-74 andauernde Militärdiktatur in Kraft trat. Die Verfassung bestätigt den Glauben der orthodoxen Kirche als "vorherrschende" Religion. Sie garantiert die Freiheit des religiösen Gewissens und der Religionsausübung und gibt die "Entwicklung eines religiösen Gewissens bei der Jugend" als eines der nationalen Bildungsziele vor. Insgesamt ergeben sich aus den in der Verfassung genannten Grundsätzen zahlreiche Verknüpfungen zwischen Kirche und Staat sowie Vorteile für die orthodoxe Kirche gegenüber den in Griechenland vertretenen Minderheitsreligionen und bestimmte Muster in der Beziehung zwischen Kirche und Staat.

Weitere Verknüpfungen zwischen Kirche und Staat sind: Der der Staat bezahlt die Gehälter und Renten des Klerus, der Pfarrer und Laienmitarbeiter der orthodoxen Kirche. Die Kirche zahlt keine Steuern. Außerdem müssen die Vorschriften der Kirche (Charta) in der Plenarsitzung des Parlaments verabschiedet werden und der Erzbischof hat den Vorsitz über jede Eröffnungssitzung des Parlaments. Von besonderer symbolischer Bedeutung ist die Tatsache, dass die Kirchen- und Staatsoberhäupter häufig gemeinsam Staatsfeiern und Festlichkeiten an nationalen Feiertagen leiten.

Für die Privilegien, die die Kirche gegenüber Minderheitsreligionen besitzt, gibt es zahlreiche Beispiele. Dazu zählen Privilegien in Bezug auf die Errichtung und den Betrieb von Andachtsstätten für nicht-orthodoxe Bevölkerungsteile in Griechenland und die Anwendung der Rechtsvorschriften gegen Proselytismus (bezeichnet in der Religion bzw. Mission die Bemühung um einen Wechsel der Konfession), die bereits zu einigen wegweisenden Fällen im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den griechischen Staat geführt haben.

Religiöse Minderheiten

Das Recht der religiösen Minderheiten, Kirchen zu bauen und Andachtsstätten zu betreiben geht auf ein Gesetz von 1939 zurück, das während der Diktatur Metaxas erlassen wurde. Laut diesem Gesetz muss der Bau einer Kirche oder Andachtsstätte, über die normale Baugenehmigung hinaus, grundsätzlich beim Minister für Bildung und religiöse Angelegenheiten beantragt werden, der wiederum die Zustimmung des griechisch-orthodoxen Bischofs der jeweiligen Region einholt. Der Antrag muss von 50 im betreffenden Gebiet ansässigen Familien unterzeichnet werden. Der örtliche Bischof muss dem Minister für Bildung und religiöse Angelegenheiten eine Stellungnahme mit seiner Meinung über die "Notwendigkeit" einer solchen Einrichtung vorlegen. Wird eine Kirche ohne entsprechende Genehmigung gebaut, kann dies mit Gefängnisstrafen geahndet werden und der örtlich zuständige Metropolit ist berechtigt, das Gebäude abreißen zu lassen.

Tatsächlich aber, ist die Zustimmung des örtlichen Bischofs rechtlich betrachtet nur eine "Meinung", die der Minister für Bildung und religiöse Angelegenheiten im Rahmen seiner Entscheidung über die Bewilligung eines Antrags anhören, aber nicht befolgen muss. Allerdings muss das Ministerium seine Entscheidung rechtfertigen, wenn es den Bau entgegen der Empfehlung eines Bischofs genehmigt. Charalambos Papastathis sagt, dass sich die Bischöfe in der Praxis fast immer gegen solche Entwicklungen aussprechen und das Ministerium ihnen für gewöhnlich nicht widerspricht. Damit hat der Schutz der vorherrschenden Religion heute in der Realität noch immer Vorrang vor der tatsächlichen Glaubensfreiheit.

Konflikte zwischen Kirche und Staat

Schließlich gibt es auch Konflikte zwischen Kirche und Staat. Seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1974 gibt es dafür drei wesentliche Beispiele: den Konflikt über das Kirchenvermögen, über Änderungen des Zivilgesetzbuchs und über die Angabe der Religionszugehörigkeit im Personalausweis. Der stärkste Konflikt entbrannte über das Religionsbekenntnis im Personalausweis, der im Jahr 2000 begann, als Premierminister Simitis die Pläne der Regierung bekannt gab, die Angaben zur Religionszughörigkeit aus den Ausweisen zu entfernen.

Erzbischof Christodoulos, der von 1998 bis 2008 amtierte, wurde bald zur Hauptfigur in dieser Frage, nachdem er den Staat dafür kritisiert hatte, solche politischen Entscheidungen ohne Absprache mit der Kirche gefällt zu haben. Christodoulos versuchte die Entscheidung aufzuheben, indem er Unterschriften für die Einberufung eines Referendums sammeln ließ. Bei der Sammlung der Unterschriften baute er stark auf die Beziehung zwischen Religion und nationaler Identität, indem er die Kirche als Beschützerin der Nation darstellte. Christodoulos verlor den Kampf gegen den Staat in der Ausweisfrage:Die Religionszugehörigkeit wird in den neu gedruckten Personalausweisen tatsächlich nicht mehr eingetragen. Gewonnen hatte er ihn jedoch insoweit, das die Auswirkungen der Ausweisfrage bei den nächsten Präfektur- und Kommunalwahlen deutlich zu spüren waren, wobei Christodoulos in seinen weit verbreiteten Predigten Hinweise auf die von der Kirche favorisierten Kandidaten gab und die Kandidaten beider großer Parteien vor der Wahl auf besonders öffentlichkeitswirksame Weise um seinen Segen baten.

Die Rolle der Kirchenführung

Hieronymus
Erzbischof Hieronymus II leitet seit Februar 2008 die orthodoxe Kirche Griechenlands. Er ist der Nachfolger von Erzbischof Christodoulos, der im Januar 2008 gestorben ist.

Auf den Tod von Erzbischof Christodoulos Anfang 2008 folgte die Wahl von Erzbischof Hieronymos. Die von Hieronymos eingeführten Änderungen werden von den Zeitungen im Rahmen der Berichterstattung über den Wechsel immer wieder aufgegriffen. Besonders häufig fällt der Begriff "eine neues Kapitel": "(…) das neue Kapitel im Buch der Kirche von Griechenland scheint darin zu bestehen, dass es sich stark von der vorherigen unterscheidet", so eine Meldung. Dass Hieronymos die Fernsehkameras mied, erschien einigen Journalisten besonders bemerkenswert: "(…) ohne großes Aufsehen, fernab der Kameras verändert der neue Erzbischof von Athen das Gesicht der griechischen Kirche. Er bringt sie der orthodoxen Tradition der Demut und der Nächstenliebe näher". In einem Artikel mit dem Titel "Hieronymos verändert alles" wird die neue Situation so beschrieben, dass die Fernsehkameras durch Wohlfahrtsbelange ersetzt werden. "So stellen wir uns die Kirche vor", meint das Parlamentsmitglied Nicholas Sifounakis.
(Weiterführende Informationen finden Sie hier.)

Besondere Aufmerksamkeit galt in den Tagen nach der Wahl Hieronymos' Haltung zu der Beziehung zwischen Kirche und Staat. Eingeleitet durch die Meldung eines Journalisten, "(…) die Ansichten des Erzbischofs finden in der Politik weitgehend Unterstützung" wird Hieronymos wie folgt zitiert:

"Wir sind keine Politiker, sondern Geistliche.
In erster Linie ist es notwendigerweise unsere Aufgabe, die prophetische Gabe der Priesterschaft zu vertreten und ihr Ausdruck zu verleihen. Das bedeutet, dass die Kirche die Pflicht hat, sich zu äußern, nicht um die Institutionen herauszufordern oder sich in die Politik oder Parteistreitigkeiten einzumischen, sondern um ihrer Besorgnis Ausdruck zu verleihen, wenn sie den Eindruck hat, dass der Zerfall der Moral oder der Werte die Zukunft des Volkes Gottes beeinträchtigt [bezeichnenderweise nicht der Nation] …"


Hieronymos Ansichten über die Beziehung zwischen Kirche und Staat wurden während seiner ersten Wochen im Erzbistum hart auf die Probe gestellt, und zwar auf eine Weise, die für das komplexe Zusammenspiel der Verbindung von Religion und Nation, der Beziehung von Kirche und Staat und der Rolle als Handlungsmacht spricht. Die erste Herausforderung stellte sich während der Tage seiner Inthronisation in Form einer Wiederaufnahme der "Skopiano", d.h. der Mazedonienfrage, – dem Streit um die Verwendung des Namens "Mazedonien" für die an Griechenland angrenzende ehemalige jugoslawische Teilrepublik. Die Heilige Synode, die erstmals unter der Führung Hieronymos tagte, wies die Idee einer Großkundgebung zu dem Thema zurück und ermahnte stattdessen zu "Eintracht, Einigkeit, Reife und Besonnenheit". In einem Zeitungsartikel wird behauptet: "Die Wahl von Hieronymos zum Erzbischof von Athen und ganz Griechenland durchkreuzt die Pläne all jener in der heiligen Synode (…) die gedacht haben, Einfluss auf die Außenpolitik nehmen zu können". Mit "all jener in der Heiligen Synode" meint (und verweist) der Artikel auf einen bestimmten Bischof, der vor dieser Stellungnahme der Heiligen Synode erklärt hatte, dass es "definitiv mindestens eine oder zwei ordentliche Massenkundgebungen" zu dem Thema gäbe. Dies war das erste deutliche Anzeichen dafür, dass es unter dem neuen Erzbischof innerhalb der Heiligen Synode wesentliche Meinungsunterschiede gibt.

Die zweite Herausforderung bezüglich Hieronymos Ansichten zur Beziehung zwischen Kirche und Staat - und zugleich härtere Herausforderung für die Einheit in der Synode - ergab sich aus den Plänen der Regierung zur Einführung eines Gesetzes über die Anerkennung eheähnlicher Lebensgemeinschaften. Die Stellungnahme des Erzbischofs zu diesem Thema deckte sich mit seiner Haltung zur Rolle der Kirche im Verhältnis zum Staat und der Politik:

Es gibt in Bezug auf diese Angelegenheit klare Grenzen . Die Kirche hat nicht das Recht, seine Verwässerung [des Gesetzes über die Anerkennung eheähnlicher Lebensgemeinschaften] oder die Gewährung anderer Forderungen zu verlangen (…)

Dennoch äußerte die Heilige Synode drei Tage später, am 17. März, ihren Widerspruch gegenüber den Plänen der Regierung. Schockierender jedoch war der Wortlaut der Stellungnahme der Synode: "Die Kirche akzeptiert und segnet die bestehende Form der Ehe in Übereinstimmung mit den orthodoxen Traditionen und betrachtet jede andere gleichartige Form der Beziehung als Prostitution". Ganz offensichtlich wurden Hieronymos' Ansichten nicht von der gesamten Synode geteilt. Berichten zufolge akzeptierte Hieronymos, dass sich die Mehrheit in der Synode gegen den Gesetzesentwurf aussprach, er kannte jedoch den Wortlaut der offiziellen Stellungnahme der Synode nicht (wie eindeutig aus einem Zeitungsartikel mit dem Titel "Hieronymos Zorn" hervorgeht). In seiner nächsten Sonntagspredigt verlangte er nach einer toleranteren Kirche und schlug vor, die Kirche solle aufgeschlossener und weniger moralisierend auftreten: "(…) die Kirche ist, wie es Christus verlangt, nicht, wie es die Menschen verlangen (…). Wir vermitteln den Eindruck, dass die Rolle der Kirche darin besteht, Menschen dazu zu zwingen, gut zu sein".

Die genannten Spannungen dauern an und es werden sicher noch viele weitere auftreten. Aus dieser kurzen, für diesen begrenzten Zeitraum angestellten Betrachtung über die Problematik der Handlungsmacht in der Kirche geht hervor, dass es innerhalb der Kirchenhierarchie stark abweichende Ansichten über den Platz gibt, den die Kirche in der Öffentlichkeit einnehmen soll. Diese führen zu stark unterschiedliche Handlungen seitens der Kirche gegenüber dem Staat.

Erwartungen für die Zukunft

Es ist noch viel zu früh, um zu ermessen, welchen Einfluss die neue Kirchenführung auf die Stellung haben wird, den die Religion in der griechischen Gesellschaft einnimmt. Fach- und Mediengespräche in der Zeit nach der Wahl des Erzbischofs konzentrierten sich auf die Notwendigkeit einer endgültigen Trennung von Kirche und Staat. Die Trennung von Kirche und Staat an sich ist jedoch noch kein Allheilmittel für die Schwierigkeiten, die auf die orthodoxe Kirche Griechenlands im Hinblick auf die Anpassung an eine neue Situation zukommen.

Die Streichung der verfassungsrechtlichen Privilegien der griechisch orthodoxen Kirche ist sicher ein guter Anfang, der Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben könnte. Solchen Maßnahmen müssen jedoch von anderen Bemühungen begleitet werden, die einen langfristigen, aber stabilen und schlüssigen Änderungsprozess bewirken, Bemühungen, die sich auf die wirksamen und überwindbaren Faktoren konzentrieren, die zur Einschränkung der religiösen Freiheiten und Gleichstellung führen. Dies könnte z.B. durch eine Änderung des Geschichtsunterrichts an den Schulen und der dabei vermittelten Inhalte über die Stellung von Religion und Kirche geschehen, um so zu einer besseren Bildung der Öffentlichkeit beizutragen, die die Ausnutzung der Verbindungen zwischen Kirche und Staat nicht mehr in der gegenwärtigen Form akzeptiert.
Darunter fällt auch die Unterstützung von Politikern, die politische Verluste riskieren, weil sie sich gegebenenfalls unangemessenen Einmischungen der Kirche widersetzen. Und die Kritik an der Einführung eines Verweissystems für den Teil der Politiker, die die Verbindungen zwischen Kirche und Staat zu ihrem politischen Vorteil beeinflussen sowie durch die Unterstützung der "fortschrittlichen" Geistlichen, die sich den üblichen und klischeehaften Verbindungen zwischen Religion und Nation, Kirche und Staat entgegenstellen und sich stattdessen darum bemühen, die spirituelle Mission der Kirche zu fördern.
Gewissheit bringt erst die Zeit, aber die ersten Anzeichen sprechen dafür, dass sich die neue Kirchenführung in Bezug auf eine Veränderung in diese Richtung sehr günstig auswirken könnte.

[1] A.d.Ü.: Der engl. "Agency" (etw. Handlungsmacht, - fähigkeit, -vermögen) lässt sich im Deutschen nicht genau wiedergeben. Er bezeichnet die Fähigkeit, das Vermögen oder die Macht eines Individuums oder einer Gruppe, wirksam in die (gesellschaftlichen) Verhältnisse einzugreifen und diese zu lenken.

 
Effie Fokas
geboren 1974,kommt aus Griechenland. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der London School for Economics. Europäische Identität und Religion, Islam sowie Religion und Nationalismus sind ...
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Original in Englisch

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