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Der Streit um Sowjetdenkmäler in Osteuropa

von Berthold Forssman


Die Versetzung eines Sowjetdenkmals aus dem Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn hat zu schweren Krawallen und diplomatischen Verwicklungen geführt. Der Streit um die Bronzestatue in Estland ist symptomatisch für den osteuropäischen Umgang mit der Geschichte und für die Beziehungen zwischen Russland und Europa.


Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor gut 15 Jahren wurden in ganz Osteuropa – und auch in Russland – Denkmäler aus der Zeit des Kommunismus gestürzt. Überall verschwanden Statuen von Lenin, Dscherschinski und anderer Sowjetgrößen; nur wenige dieser Monumente überdauerten die Zeit.

Mitglieder der vom Kreml gesteuerten Nashi-Jugendbewegung demonstrieren gegen die Verlegung des sowjetischen Soldatendenkmals in Tallin.
Foto: AP


Ein solches Relikt war die so genannte Bronzestatue, ein gut zwei Meter großes Denkmal, das einen sowjetischen Soldaten darstellt, der mit gesenktem Kopf um Gefallene trauert. Es wurde 1947 im Zentrum von Tallinn an einem eher unauffälligen Platz errichtet und fand dort lange Zeit wenig Beachtung. Das änderte sich erst mit der Unabhängigkeit Estlands, denn nun kamen Jahr für Jahr immer mehr Angehörige der russischen Minderheit am 9. Mai, dem sowjetischen Tag des Sieges, zu der Statue, um Blumen niederzulegen. Lange störte das niemanden sonderlich, wie Kalle Muuli im Mai 2006 in der estnischen Zeitung Postimees schrieb: "Für die Mehrzahl der Esten ist das zwar ein unangenehmer Anblick, aber doch nicht so fürchterlich, dass man ihn nicht im Namen eines friedlichen Zusammenlebens ein bis zwei Tage im Jahr ertragen könnte. Und auch Esten kommen zu der Statue, um dort zu trauern."

Doch im Mai 2006 erklärte Estlands Premierminister Andrus Ansip, das Denkmal stehe für die Besetzung des Landes und solle verschwinden. Einige Monate später wurde ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, obwohl es immer wieder Warnungen gab, Russland werde das als Provokation auffassen. "Wir werden in den nächsten Wochen den Propagandaangriffen aus Moskau ausgesetzt sein", schrieb Postimees am 11. Januar 2007.

Als der Beschluss in der Nacht zum 27. April 2007 umgesetzt wurde und die Bronzestatue aus der Stadt entfernt und auf einen Friedhof am Stadtrand gebracht wurde, brachen in Tallinn Krawalle aus, die mehrere Tage andauerten. Anschließend wurde die estnische Botschaft in Moskau von kremltreuen Jugendgruppen belagert, das Verhältnis zwischen Estland und Russland verschlechterte sich dramatisch. Estland rief EU und Nato zu Solidarität auf.

Ein zweiter Bildersturm?

Auch in anderen Ländern Osteuropas gibt es Diskussionen über sowjetische Denkmäler. So wird darüber debattiert, ob das Monument in der Nähe des ungarischen Parlaments in Budapest demontiert werden soll. Das sowjetische Ehrenmal in Warschau ist ebenfalls umstritten. Die polnische Regierung erwägt sogar, alle Denkmäler, die an den Sieg der Roten Armee erinnern, zu entfernen.

Der russische Philosoph Boris Groys erklärte die zweite Welle des Bildersturms in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Mai so: "Jede Umwälzung führt zu einem gewissen Ikonoklasmus. Das geht in Wellen. Man toleriert noch eine Weile bestimmte Zeichen, aber auch diese werden zerstört. Während des kommunistischen Ikonoklasmus zog sich die Zerstörung der Kirchen und Monumente noch viele Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution hin. Und auch der aktuelle Bildersturz wird weitergehen."

Unterschiedliches Geschichtsverständnis

Doch warum sind diese Denkmäler bis heute ein Stein des Anstoßes? In kaum einem Punkt prallt das unterschiedliche Geschichtsverständnis Russlands und der ehemals kommunistischen Staaten so stark aufeinander wie bei der Bewertung des 9. Mai 1945, nach sowjetischer Geschichtsschreibung das Ende des Zweiten Weltkrieges. Für Russland bedeutet dieses Datum die Befreiung vom Faschismus und das siegreiche Ende eines verlustreichen Krieges. Die Staaten Osteuropas sehen es dagegen als Beginn einer neuen Okkupation.

Der russische Bürgerrechtler Boris Timoschenko erläuterte am 21. Juni 2006 in der polnischen Rzeczpospolita: "Wenn die baltischen Staaten und auch Polen die sowjetische Besatzung mit der Besatzung durch die Nazis vergleichen, stößt das in Russland nur auf Unverständnis. Die Russen erwarten immer noch, dass das Gespräch über die Geschichte mit einem 'Dank für die Befreiung' endet."

Doch in den baltischen Ländern ist das Trauma der Besetzung bis heute lebendig. Der Luxemburger Laurent Moyse versuchte am 4. Mai 2007 in der Voix du Luxembourg zu verstehen, warum diese Vergangenheit in ganz Mittel- und Osteuropa immer wieder zum Thema wird: "Weiter im Westen hat man sich schon seit längerer Zeit mit den schmerzhaften Episoden der Geschichte beschäftigt. Die nationale Versöhnung war immer eine schmerzhafte Zerreißprobe in den Ländern, die stark traumatisiert waren. Seit 60 Jahren lebt Europa im Frieden, aber in vielen Bereichen ist seine Erinnerung trotz allem die eines bei lebendigem Leib Gehäuteten."

Streit um Symbole

Das unterschiedliche Geschichtsverständnis in Ost und West zeigt sich nicht nur am Streit um die Denkmäler: Die baltischen Staaten beispielsweise haben die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg als weniger gnadenlos und blutig erlebt als die anschließende sowjetische Okkupation. Sie werfen dem Westen bis heute Verharmlosung der Verbrechen des Kommunismus vor. In Estland wurde kürzlich nicht nur das Tragen und Zeigen von Nazisymbolen unter Strafe gestellt, sondern auch das öffentliche Zuschaustellen von Hammer und Sichel. Politiker und Historiker aus Osteuropa fordern immer wieder, nicht nur die Leugnung des Holocaust, sondern auch die Leugnung der Gräueltaten des Kommunismus müsse europaweit geächtet werden.

Neue Solidarität zwischen Ost- und Westeuropa

Die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit wird in ganz Europa zunehmend im Kontext der aktuellen Spannungen zwischen Russland und Europa gesehen. Zu diesen Konflikten tragen das autoritäre Regime des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der Streit um das von den USA geplante Raketenabwehrsystem mit Basen in Polen und Tschechien sowie die europäische Energieabhängigkeit von Russland bei.

Estland habe in diesem Zusammenhang Russland mit der Versetzung der Statue keineswegs über die Maßen provoziert, lobte die niederländische Zeitung NRC Handelsblad am 9. Mai 2007: "Der estnische Premierminister hat sich beispielhaft verhalten, als er am umgesetzten Denkmal einen Kranz ablegte – ganz im Gegensatz zu Putin, der bei den Feierlichkeiten zum Kriegsende die Verlagerung des Denkmals indirekt kritisierte."

Der Lette Aris Jansons warf Russland am 2. Mai 2007 in Delfi vor, Russland benutze den Streit um die Denkmäler nur als Vorwand, um sich in estnische Angelegenheiten einzumischen. Schließlich sei erst kürzlich in Chimki nahe Moskau ein Ehrenmal entfernt worden, ohne dass es größere Proteste gegeben hätte.

Auch der schwedische Journalist Tobias Lindberg sprach in Bezug auf Moskau im Sydsvenska Dagbladet am 2. Mai 2007 von Doppelmoral: "Russland wird oft und zu Recht von der übrigen Welt kritisiert, zum Beispiel für seine demokratischen Defizite oder den Krieg in Tschetschenien. Der Kreml weist solche Vorwürfe stets als Versuch der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Russlands zurück. Aber Moskau sieht offenbar kein Problem darin, sich in etwas einzumischen, was eindeutig die inneren Angelegenheiten Estlands sind."

Neues Verständnis

Der Aufruf Estlands, EU und Nato müssten im Denkmalstreit klar Stellung gegenüber Russland und für Estland beziehen, hat in Westeuropa offenbar zu einem neuen Verständnis für die neuen Mitgliedstaaten im Nordosten geführt. Dieses Verständnis könne die Weltsicht Europas erweitern, schrieb am 10. Mai die französische Tageszeitung Le Monde: "Diese Länder bringen in die EU ihre Erfahrungen im Verhältnis zu Moskau ein, das ein halbes Jahrhundert lang von russischer Dominanz geprägt war. Diese besondere Sensibilität, die die Westeuropäer nicht haben, macht die Osteuropäer skeptischer – oder weniger naiv – gegenüber den Absichten Russlands."

Der Ungar Gábor Miklós argumentierte am 28. April 2007 in Népszabadság ähnlich und wies auf einen weiteren Aspekt hin: "Die Ausschreitungen in Tallinn und die Kritik aus Moskau zeigen, dass Politiker nicht nur Geschichtsbilder, sondern auch die Gefühle der Menschen manipulieren wollen … Auf der einen Seite steht ein riesiges, offensives Land, auf der anderen Seite eine kleine Republik, die vom Westen Rückenstärkung bekommt. Die eigentlichen Opfer des Streites sind aber die Russen in Estland".

Versöhnung innerhalb Estlands

Doch gerade im Zusammenleben zwischen Esten und russischer Minderheit in Estland könnte der Konflikt am Ende eine Chance sein, meinen Kommentatoren in Estland, schließlich würden jetzt Gesprächsforen und runde Tische eingerichtet. "Wir können natürlich ewig an den Sieg unserer Großväter erinnern, aber es gibt heute genug anderes zu tun, und wir sollten nicht in jedem Russen einen Besatzer sehen", war am 2. Mai 2007 in Delfi zu lesen.

Auch Vallo Tomet kommentierte am 8. Mai in Eesti Päevaleht optimistisch: "Der Streit um die Bronzestatue zwingt Esten und Russen mit ganzem Herzen und ganzer Seele miteinander zu sprechen. Es ist gut, wenn dieser Dialog weitergeht, und gerade weht ein frischer Wind durch die Stube und bläst den abgestandenen Mief hinaus. Wir müssen jetzt klar über die historischen Ereignisse wie den Großen Vaterländischen Krieg und die sowjetische Besatzung sprechen."

 
Berthold Forssman
Dr. Berthold Forssman studierte Skandinavistik, Slawistik und Indogermanistik und arbeitet heute als freier Journalist, Übersetzer, Sprachenlehrer und Autor in Berlin. Er übersetzt unter anderem aus ...
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Original in Deutsch

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