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Das Primitive im Zentrum

von Bernard Müller


Die Kolonialmächte teilten sich die Kulturgüter der kolonisierten Länder. Seit einigen Jahren modernisieren die europäischen ethnologischen Museen ihre Ausstellungen und versuchen, die koloniale Beutekunst anders zu präsentieren.


Indem die außer-europäische Kunst, die manchmal auch "primitive Kunst" genannt wird, heute sowohl auf der Ethnowelle mitschwimmt als auch den Boom der Unterhaltungskultur nutzt, besetzt sie derzeit eine prominente Stellung. Das British Museum in Großbritannien hat die ethnographischen Ausstellungsräume neu hergerichtet, die Museen Dahlem in Berlin befinden sich in einer Phase der Umstrukturierung, in Frankreich eröffnete gar ein ganz neues Museum, das Musée du quai Branly, neu geordnet wurden auch das Wiener Museum für Völkerkunde sowie das Musée royal de l'Afrique centrale im belgischen Tervuren. Göteborg präsentiert seine ethnologischen Sammlungen seit 2004 in einem neu konzipierten Världskulturmuseet, das bereits vorhandene Sammlungen an Globalisierungsfragen anlehnt und einen interdisziplinären Ansatz verfolgt, der auch internationale Migration und multikulturelle Gesellschaften in Betracht zieht.

Skulpturen von der pazifischen Insel Malekula im Quai Branly Museum in Paris.

Foto: AP


Gleichzeitig erblicken thematische Ausstellungen das Licht, die Objekte verschiedener europäischer Sammlungen zusammenführen und in Europa auf Tour gehen. Dies war etwa der Fall bei der Ausstellung Benin. Könige und Rituale – Höfische Kultur in Nigeria, die 2007 in Wien und Paris, bis Mai 2008 in Berlin Station machte. Die französische Etappe begleitete eine Broschüre, in der zu lesen war, dass die Ausstellung "zum ersten Mal in Europa" Sammlungen vereine, die sich zum Großteil in England, Deutschland und Österreich befänden. Weiterhin skizziere die "Gesamtheit der Werke ein breites Panorama von Kunst und Kultur im Königreich Benin". Sicherlich. Aber in Paris erklärte man nicht den historischen Kontext, in dem die besagten Objekte gesammelt worden waren. Ein Großteil stammt von einer britischen Militärexpedition in Benin im Jahr 1897. Der Grund, diese Information einfach wegzulassen, ist, dass die Museen genau wissen, dass das zu Sagende weitaus schwerer wiegen würde als die einfache und klare Weglassung.

Eine Jahrhundertbeute...

Heute tauschen die europäischen Länder ihre Sammlungen aus, denn auch die Geschichte des Kolonialismus war zu allererst eine des Teilens. Sonst wären die Objekte, um die es geht, heute nicht da, wo sie sind. Diese gemeinsame Vergangenheit zeigt sich deutlich in den europäischen Museen für andere Kulturen und Zivilisationen und in den europäischen ethnologischen Ausstellungen. Die Mehrzahl dieser Sammlungen ist zwischen 1880 und 1914 entstanden, in einer Periode, in der sich die territoriale globale Ausdehnung der europäischen Mächte von 35 Prozent auf 84 Prozent steigerte. Selbst wenn die meisten Stücke zu wissenschaftlichen Zwecken zusammengetragen worden waren, weiß man auch, dass viele während militärischer Kampagnen entwendet wurden. Sie sind somit nichts anderes als Kriegsbeute.

... für wen?

Im Dezember 2002 unterzeichneten 19 Direktoren verschiedener weltweit wichtiger Museen die Erklärung zu Bedeutung und Wert der Weltmuseen, weil sie zweifellos fürchteten, dass sich eines Tages die Büchse der Pandora öffnen würde, die Restitutionen und immense Reparationen mit sich bringen würde. Sie präzisierten, dass die "Museen die Akteure der kulturellen Entwicklung" seien und dass ihre "Mission" darin bestünde, "die künstlerische Produktion und die Kenntnis über Kultur zu fördern, indem sie einen ständigen Prozess der Reinterpretation" in Gange halten würden. "Sie stehen nicht nur den Bürgern einer Nation zu Diensten, sondern auch den Völkern aller Nationen."

Unterschiedliche Ausstellungskulturen

Aber diese einheitliche Fassade verbirgt in Wirklichkeit die stark differierenden nationalen Positionen. Die Kunstwerke des Königreichs Benin sind heute über europäische Museen verstreut. In den jeweiligen ständigen Ausstellungen werden die Objekte allerdings durchaus unterschiedlich präsentiert, auch wenn sie dem selben Einsatz entstammen. Der Unterschied besteht vor allem in der Art und Weise, wie der koloniale Kontext der Sammelaktion behandelt wird. Während Frankreich dazu neigt, diese historische Dimension fast vollständig auszublenden, weist man ihr in Deutschland einen weitaus wichtigeren Platz zu, sicherlich der eigenen Geschichte und der Verantwortung für die Shoah geschuldet. Die Briten unterscheiden sich ebenso von der "historischen Blindheit" der Franzosen und geben häufig historische Details zum Zustandekommen der Sammlungen an. Anders als in Deutschland hat der Druck, den kulturelle, in England aktive Vereinigungen von Nachkommen der ehemaligen Kolonien ausgeübt haben, zur britischen Haltung geführt.

Wechselgeld

Diese Unterschiede erklären sich auch durch divergierende geostrategische Anliegen. Scheinbar werden bestimmte Stücke aus nationalen europäischen Sammlungen dann Teil eines Restitutionsversprechens, wenn sie zum Erlangen anderer Vorrechte führen. Dies war zum Beispiel der Fall beim Siegel des Dey, des algerischen Regenten während des osmanischen Reiches. Es war 1830 von der französischen Armee mitgenommen und im März 2003 vom französischen Präsidenten zurückgegeben worden – zu einem Moment, in dem es um den Abschluss wichtiger Handelsverträge ging.

Doppelte Schuld

Die Sammlungen, die sich die europäischen Museen untereinander teilen, beziehen sich auch auf eine koloniale Geschichte, auf ein Weltreich, das durch Krieg und durch Gewalt gebildet wurde. An diese problematische Vergangenheit erinnerte Aminata Traoré, ehemalige Kulturministerin der Republik Mali: "Unsere Kunstwerke haben das Recht dort zu sein, wo wir selbst uns nicht aufhalten dürfen." Die Objekte, die von den ethnologischen Museen bewahrt wurden, stehen heute wegen der aktuellen internationalen Migrationsproblematik auf dem Spiel. Diese Ambiguität macht die Arbeit am postkolonialen Gedächtnis sehr besonders, denn sie steht in einer doppelten Schuld: einerseits die der alten Kolonisatoren gegenüber ihren Kolonien, andererseits die der heutigen europäische Wirtschaftskraft gegenüber ihrem Arbeitsimmigranten. Auf europäischer Ebene befinden wir uns heute in einem Prozess, der sich einem neuen Weg des Erinnerns öffnet und in dem die Museen für andere Kulturen und Zivilisationen veranlasst sind, eine wichtige Rolle zu spielen.

 
Bernard Müller
Bernard Müller ist Anthropologe, unter anderem am Institut de recherche interdisciplinaire sur les enjeux sociaux in Paris. Er koordiniert Kulturprojekte und kuratiert Ausstellungen. Außerdem leitet ...
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Übersetzung
Nikola Richter

Original in Französisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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