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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 23.09.2011

 

TOP-THEMA

Papst Benedikt in Deutschland

 

Begleitet von Protesten hat Papst Benedikt XVI. am Donnerstag seinen viertägigen Staatsbesuch in Deutschland begonnen. Er bemüht sich zwar redlich um die aus der Kirche ausgetretenen Mitglieder, doch seine Ansichten spalten die Deutschen aus historischen Gründen, meinen Kommentatoren.

Der Standard - Österreich

Erstaunliches Lob für grüne Schäfchen

Bei seiner Rede im Bundestag hat Papst Benedikt XVI. am Donnerstag kontroverse Themen vermieden, aber die Ökobewegung gelobt. Da viele Deutsche grün sind, wollte er sie wohl als Schäfchen zurückgewinnen, vermutet die linksliberale Tageszeitung Der Standard: "Die Botschaft, die er an die Politiker richtete - nämlich, dass sie Gemeinwohl vor Machtstreben stellen sollen - werden viele mit gewissem Wohlwollen aufgenommen haben. Und so mancher wird sich fragen, ob der Papst umgekehrt auch Ratschläge von Politikern annimmt, den vom deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff etwa, der die Situation von wiederverheirateten Geschiedenen ansprach. Überraschend war das Lob der Ökobewegung, das selbst viele Grüne verblüffte. Das kommt in Deutschland sicher gut an. Doch um die vielen abtrünnigen Katholiken in seiner Heimat Deutschland wieder zur Herde zurückzuführen, reicht dieser Auftritt im Bundestag längst nicht aus, da muss noch viel mehr passieren." (23.09.2011)

Corriere della Sera - Italien

Kirche offen für Kritik

Papst Benedikt XVI. hat die mehr als 60.000 Besucher der Messe im Berliner Olympiastadion am Donnerstagabend dazu aufgerufen, trotz des Missbrauchskandals und anderer Missstände nicht aus der Kirche auszutreten. Zuvor äußerte er vor Journalisten Verständnis für die Empörung über den Missbrauch in Kirchenkreisen, was die Offenheit des Papstes zeigt, meint die liberal-konservative Tageszeitung Corriere della Sera: "Die Meinung anderer zu respektieren ist alles andere als eine außergewöhnliche Haltung des Papstes. Seine Offenheit und Fähigkeit zur Einsicht, wie er sie gestern wieder in Berlin gezeigt hat, sind kennzeichnend für einen Mann, der in der Meinungsvielfalt der deutschen Universitäten groß geworden ist. Sie müssen der Reihe der Stellungnahmen des Papstes zugeordnet werden, in denen er mehrfach die positive Rolle der Medien in der Anprangerung des Missbrauchskandals betonte." (23.09.2011)

Lidové noviny - Tschechien

Papst spaltet die Deutschen

Während der polnische Papst Johannes Paul II. zuhause als der größte Pole begrüßt wurde, spaltet der deutsche Papst Benedikt XVI. seine Landsleute, bemerkt die konservative Tageszeitung Lidové noviny: "Das liegt nicht nur an der Vielfalt der Religionen und Meinungen in Deutschland. Es gründet vielmehr darin, dass viele Deutsche meinen, nach den von ihnen angerichteten Verbrechen vor 70 Jahren müssten sie jetzt überall und immer als Weltverbesserer auftreten. Ist Benedikt eine solcher Weltverbesserer? Auf keinen Fall für diejenigen, die ihm vorwerfen, sich nicht für die Christianisierung der US-amerikanischen Ureinwohner entschuldigt zu haben, oder die ihm seine Haltung zu Sex und Aids-Prävention vorhalten. Zwischen den Gegnern und Anhängern des Papstes in Deutschland tobt eine Art Kulturkampf, eine Abrechnung mit einem Mann, der seine Widersacher schon als deutscher Intellektueller aufgebracht hat." (23.09.2011)

POLITIK

Libération - Frankreich

Sarkozy unterstützt Palästinenser geschickt

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat sich bei seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am Donnerstag für die Anerkennung eines palästinensischen Staats eingesetzt. Gleichzeitig skizzierte er den neuen Friedensplan des Nahost-Quartetts. Ein sehr diplomatisches Vorgehen, lobt die linksliberale Tageszeitung Libération: "Die Idee von Mahmud Abbas, die Schaffung eines Palästinenserstaats über die Uno zu erreichen, ist legitim: Dieser riskante politische Schachzug setzt alle wieder unter Zugzwang und gibt den Parteien neue Handlungsspielräume, auch wenn diese schmal bemessen sind. Frankreich packt die Gelegenheit beim Schopf und positioniert sich dadurch geschickt: Man versucht, der palästinensischen Initiative eine diplomatische Form, einen Zeitplan und eine Methode zu geben. ... Was wird wirklich aus der Aufregung bei der Uno? Man muss sie ernst nehmen, auch wenn das einfache Wort 'Frieden', das so oft hochgehalten und dann überstürzt wieder weggepackt wurde, fast schon obszön geworden ist." (23.09.2011)

Delo - Slowenien

Schengen bleibt unsolidarisch

Rumänien und Bulgarien dürfen vorerst nicht in den Schengenraum, weil die Niederlande und Finnland einen entsprechenden Beschluss bei dem Treffen der EU-Innenminister am Donnerstag in Brüssel blockiert haben. Die Fronten verhärten sich nicht nur durch ausländerfeindliche Politiker aus den Niederlanden und Finnland, findet die Tageszeitung Delo: "Die Fronten werden auch durch eine wahre Psychose der allgemeinen Unzufriedenheit innerhalb der EU verhärtet. Eben dieses Phänomen, das in Zeiten der verstärkten Ungleichgewichte der öffentlichen Finanzen Untergangsszenarien erzeugt wegen der unsicheren Zukunft des Euro-Raums, wenn nicht sogar der gesamten EU, ist gleichzeitig die größte Gefahr für das Prinzip der Solidarität und der Achtung der gegenseitigen Interessen, auf denen die europäische Integration jahrzehntelang gründete." (23.09.2011)

News.bg - Bulgarien

Bulgarischer Parlamentarismus am Ende

In einer Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Alpha Research haben nur fünf Prozent der befragten Bulgaren dem Parlament ihre Anerkennung ausgesprochen. Der bulgarische Parlamentarismus ist moralisch am Ende, weil er von Partei-Interessen geleitet wird, klagt das Nachrichtenportal news.bg: "Die politische Eiszeit unter [Premier] Borisov hat das Parlament endgültig in ein stimm- und rückgratloses Anhängsel der Parteizentrale [der Regierungspartei Gerb] verwandelt. ... Das Fünf-Prozent-Todesurteil der Befragten zeigt aber, dass die Wähler sehr wohl verstehen, welche Menschen den Anspruch haben, sie regieren zu wollen, und ihr Urteil ist schonungslos - heute auf dem Umfrageblatt der Meinungsforscher und morgen auf dem Stimmzettel in der Wahlurne. Das mag den unerwarteten, obschon lang ersehnten Tod der politischen Klasse Bulgariens in ihrer heutigen, abartigen Erscheinungsweise herbeiführen. Es bleibt aber die Frage: Wo finden wir eine Neue?" (22.09.2011)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Chirac bleibt weiter unantastbar

Der Prozess gegen den ehemaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder geht heute in Paris zu Ende. Ein Freispruch ist so gut wie sicher, weil die Justiz den Fall nicht ernsthaft prüfen wollte, kritisiert die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung: "Im Vergleich zu manchen ausländischen Potentaten ist der populäre Ex-Präsident kein Monster, das subito hinter Schloss und Riegel gehört. Aber die demonstrative Unlust, mit der Frankreichs Justiz zwielichtigen Praktiken des Systems Chirac auf den Grund geht, ist das falsche Signal. Es folgt einer dubiosen Auffassung von Staatsräson, wonach man dem Land die Peinlichkeit einer genauen Aufklärung lieber erspart. Die Folgen sind doppelt verheerend: Zum einen sinkt unweigerlich das Vertrauen der Bevölkerung in das Prinzip der Rechtsgleichheit. Zum andern werden die notorischen Mauscheleien im französischen Parteienstaat ungehindert weitergehen, wenn der Anschein einer Unantastbarkeit der Machtelite entsteht." (23.09.2011)

REFLEXIONEN

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Johan Schloemann hält Griechenland für ein Transformationsland

Tausende Menschen haben am Donnerstag in Athen gegen die neuen Sparbeschlüsse der griechischen Regierung demonstriert. Es ist hochmütig und naiv von den Griechen zu verlangen, innerhalb weniger Monate ihr über Jahrzehnte gewachsenes Staatsverständnis umzuwerfen, meint der Kolumnist Johan Schloemann in der linksliberalen Süddeutschen Zeitung: "Die Hälfte der hundertundachtzig Jahre seit der Gründung [unter dem Bayern Otto I.] war Griechenland praktisch zahlungsunfähig. ... Im 19. Jahrhundert scheiterte in Griechenland schon zu Beginn der Versuch, ausgehend von Hilfszahlungen der Großmächte mit philhellenischen bayerischen Beamten eine effiziente Verwaltung nach französischem Vorbild zu installieren. Mit der Steuerpflicht verbanden die befreiten Griechen nur schlechte Erinnerungen an die osmanische Zwangsherrschaft. ... Seither haben Klientelwesen und Schattenwirtschaft Griechenland immer wieder gelähmt; hinzu kamen die Einschnitte durch Weltkriege und Bürgerkriege. ... Griechenland kann nicht mit einer einfachen, raschen Anpassung von Haushalts- und Wirtschaftspolitik verändert werden. Es spricht eher einiges dafür, Griechenland heute als einen jener Transformationsstaaten anzusehen, für die sich ein eigener Zweig der Politikwissenschaft herausgebildet hat." (23.09.2011)

WIRTSCHAFT

La Stampa - Italien

Spekulationen von Kreditbereich abtrennen

Die Börsenkurse sind am Donnerstag weltweit abgesackt. Als Ursache für die neuerliche Talfahrt gelten Ängste vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung und die anhaltende Sorge um die Euro-Zone. Dieser Macht der Finanzmärkte muss eine Ende gesetzt werden, fordert die liberale Tageszeitung La Stampa: "Der erste Schritt besteht in der Erkenntnis, dass die bisherigen politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise durchweg gescheitert sind. … Deshalb müssen die Regierungen endlich den Mut dazu finden, sich zumindest partiell der anonymen Tyrannei der Finanzmärkte zu entziehen. Dies bedeutet, den Märkten Regeln aufzuerlegen, die ihre Zerstörungskraft verringern, ohne dabei jedoch den positiven Aspekt der Märkte zu zerschlagen. Regeln also, die das spekulative Potenzial begrenzen, ohne die Basisfunktion der Finanzmärkte zu beinträchtigen. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Großbritannien unternommen. Die Regierung hat ein Gesetz eingeführt, das innerhalb der Banken den Spekulationsbereich vom normalen Kreditbereich trennt." (23.09.2011)

Gazeta Wyborcza - Polen

Europa schickt US-Börsen auf Talfahrt

US-Zentralbankchef Ben Bernanke hat am Mittwoch vor einer weiteren Verschlechterung der Lage der US-Wirtschaft gewarnt und den Kauf von Staatsanleihen im Wert von 400 Milliarden Dollar angekündigt. Die Aktienkurse an den US-Börsen brachen daraufhin am Donnerstag ein, doch ohne zwingenden Zusammenhang, meint der Analyst Piotr Kuczyński vom polnischen Investmenthaus Xelion in einem Gastbeitrag in der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza: "Es stimmt nicht, dass die massiven Einbrüche an den Börsen der Welt einzig und allein auf den Auftritt des Fed-Chefs zurückzuführen sind. Das wäre zu einfach. ... Die Lage auf dem Alten Kontinent ist nach wie vor sehr angespannt. Die Finanzmärkte haben auf die Herabstufung der italienischen Banken durch die Rating-Agenturen reagiert. Darüber hinaus wirken Gerüchte über [die Zahlungsschwierigkeiten] französischen Banken sowie die Situation in Griechenland abschreckend, wo die Probleme weiterhin ungelöst sind." (23.09.2011)

GESELLSCHAFT

NRC Handelsblad - Niederlande

Hooligans gehören nicht an Pranger

Bilder von gewalttätigen Hooligans, die am Samstag die Büros von Feyenoord Rotterdam stürmen wollten, sollen auf großen Bildschirmen in Rotterdam gezeigt werden. Bürgermeister Ahmed Aboutaleb und die Staatsanwaltschaft wollen so Hinweise zur Identifizierung der Täter bekommen. Das Mittel ist dem Zweck aber nicht angemessen, warnt die liberale Tageszeitung NRC Handelsblad: "Der Sturm auf die Büros illustriert ein tiefergehendes Problem, nämlich die Verlotterung der Fußballkultur. Und die kann ansteckend sein. Bürgermeister Aboutaleb will große Bildschirme aufstellen, worauf Fotos und Videos der Verdächtigen gezeigt werden sollen, um weitere festzunehmen. Aboutaleb will einen Pranger-Effekt, der vorbeugend wirkt. ... Damit überschreitet die Stadtverwaltung eine Grenze. Ein Pranger ist eine Strafe und zwar aus dem Mittelalter. Ein Bürgermeister ist außerdem kein Richter. Und eine verhinderte Erstürmung ist auch kein Terrorakt mit Todesopfern. Bildschirme auf der Straße sind ein letztes Mittel, das nur denkbar ist, wenn alles andere versagt hat." (23.09.2011)

Keskisuomalainen - Finnland

Finnen kaufen zu große Alkohol-Kartons

Der von Finnlands Sozialministerin eingebrachte Vorschlag, in normalen Lebensmittelgeschäften künftig Bier mit geringerem Alkoholgehalt zu verkaufen, wird in Umfragen von der Mehrheit der Finnen abgelehnt. Die liberale Tageszeitung Keskisuomalainen empfiehlt aber eine elegantere Methode: "Das Verbot des Mengenrabatts hat den Großkonsumenten zwar den falschen Vorwand genommen günstig einzukaufen, dafür werden die riesigen 24-Dosen-Kartons oder mehrere Liter fassenden Weinboxen heute mit ihrer Handlichkeit gerechtfertigt. Wenn man dieselbe Alkoholmenge in Dosen oder Flaschen einzeln in den Einkaufswagen laden müsste, würden sich wahrscheinlich viele Gedanken über ihren alltäglichen Konsum machen. Der Großverbrauch ist zur Norm gemacht worden und das Öffnen der Pakete im Laden sowohl schwierig als auch 'unnormal'. Könnte man nicht das Volumen der Großpakete begrenzen? Dadurch würde den Verbrauchern nicht das Recht auf die eigene Kaufentscheidung genommen." (23.09.2011)

MEDIEN

El País - Spanien

Rundfunkrat schafft Zensur-Möglichkeit wieder ab

Der Rundfunkrat des öffentlich rechtlichen Rundfunks (RTVE) in Spanien hat am Mittwoch entschieden, seinen Mitgliedern Zugriff auf noch unveröffentlichte Nachrichten zu gewähren, die Entscheidung aber nur einen Tag später wieder revidiert. Da die Mitglieder von den politischen Parteien und Gewerkschaften entsandt werden, hätte das eine politische Kontrolle des Rundfunks bedeutet, meint die linksliberale Tageszeitung El País: "Der Rundfunkrat des RTVE hat gestern seine überraschende Entscheidung wieder zurückgenommen, die er nur 24 Stunden zuvor getroffen hatte und die es den Mitgliedern ermöglichen sollte, auf das Redigierprogramm der Nachrichten zuzugreifen. Das hätte zur Kontrolle der Nachrichten führen können und in letzter Konsequenz zu eine Art Vorzensur der journalistischen Inhalte. Das Umschwenken des Rats sollte mit Erleichterung betrachtet werden. Allerdings hebt es nicht den Verdacht auf, dass die Besetzung des Rats ungeeignet ist, da er bereit war, die Presse- und Meinungsfreiheit einzuschränken, auch wenn er sich danach von der Maßnahme distanziert hat." (23.09.2011)

LOKALE FARBEN

Heti Válasz - Ungarn

Selbstachtung steigt nicht mit Zungenbrecher

Bei den Olympischen Spielen in London nächstes Jahr werden die ungarischen Teilnehmer nicht mehr das englische Wort "Hungary" auf ihren Hemden tragen, sondern die ungarische Variante "Magyarország". Die konservative Wochenzeitung Heti Válasz hält die Konzentration auf sportliche Leistungen für wichtiger: "Die Idee lässt Zweifel aufkommen, verknotet sich doch ein Ausländer kaum schneller die Zunge, als beim Aussprechen des Wortes 'Magyarország'. ... Die Initiative ist allerdings nicht ohne Vorläufer, so trägt die finnische Eishockeymannschaft Trikots mit der Aufschrift 'Suomi', beim russischen Team ist sogar ein kyrillischer Schriftzug zu sehen. ... István Kovács, Mitglied des Präsidiums des Ungarischen Olympischen Komitees, hat folgende Begründung geliefert: Der neue Schriftzug auf der Kleidung der Sportler hebe die Selbstachtung der Ungarn. Das ist gewiss richtig. Doch würde es unsere Selbstachtung noch mehr stärken, wenn unsere Olympioniken große Sporterfolge feierten." (23.09.2011)

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