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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 19.07.2006

 

TOP-THEMA

Spanien streitet über seinen Bürgerkrieg

Der Aufstand des Generals Francisco Franco gestern vor 70 Jahren, am 18. Juli 1936, war der Beginn eines blutigen Bürgerkriegs (1936-1939), der zum Untergang der Zweiten Spanischen Republik und zur Franco-Diktatur führte, die bis 1975 dauerte. Noch heute ist der Umgang mit diesem Kapitel der eigenen Geschichte ein Reizthema in Spanien, bei dem sich die regierenden Sozialisten und die oppositionellen Konservativen unversöhnlich gegenüberstehen. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Le Nouvel Observateur - Frankreich, Diario Sur - Spanien, Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Le Nouvel Observateur - Frankreich

Der spanische sozialistische Ministerpräsident Jose Luis Zapatero hat eine "Geschichtskommission" zur Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs eingerichtet und ein Gesetz zur finanziellen Entschädigung der Opfer angekündigt. Der Historiker Joseph Perez analysiert im Interview mit Alexandre Lemarie diese Initiative. "Es liegt in seinem Interesse, einen Teil der öffentlichen Meinung, vor allem den linken, zufrieden zu stellen... Zapateros Vorgänger neigten dazu, diesen – offensichtlich lästigen – Teil der Vergangenheit nicht zu erwähnen. Heute fordern die Enkelkinder der Soldaten, die am Bürgerkrieg teilgenommen haben, darüber Rechenschaft. Der spanische Regierungschef will diesem Meinungswandel Rechnung tragen... Ich glaube, die Nachkommen der [rechten] Nationalisten sollten anerkennen, dass die für Franco kämpfenden Truppen Gräueltaten begangen haben. Die Nachkommen der [linken] Republikaner haben dies übrigens schon getan. Sie haben ein Mea culpa abgelegt, indem sie zum Beispiel zugegeben haben, dass die Anarchisten sich zu entsetzlichen Taten haben hinreißen lassen." (19.07.2006)

Diario Sur - Spanien

"Was vor siebzig Jahren geschehen ist, sollten jetzt Historiker beurteilen und nicht Politiker", fordert die spanische Tageszeitung. "Es ist das erste Mal seit dem Ende der Diktatur, dass das Land einen solchen Drang verspürt, auf die eigene Vergangenheit zurückzublicken. Falls es jetzt noch Dinge zu rächen gibt, ein altes Unrecht wieder gut gemacht oder jemandem zu seiner Würde zurück verholfen werden muss, dann muss dies so schnell wie möglich geschehen. Doch wir dürfen nicht alte Streitereien, über die jetzt urteilen zu wollen sinnlos wäre, zum Vorwand nehmen, um den alten Hass, den wir längst begraben haben, zu neuem Leben zu erwecken... Wir müssen vor allem verstehen, dass dieser Krieg zunächst eine brutale und inakzeptable Konfrontation unter Spaniern war, erst in zweiter Linie vielleicht ein Konflikt zwischen Gut und Böse. Aus diesem Grund sollte die Frage nach dem historischen Gedenken eher von Wissenschaftlern als von den Abgeordneten behandelt werden." (19.07.2006)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Die Erinnerung und Bewertung des Spanischen Bürgerkriegs wird nach Einschätzung Paul Ingendaays auch nach siebzig Jahren mehr vom Gemüt als vom Verstand bestimmt. Für Ingendaay sind sowohl die Verherrlichung Francos wie auch die Verklärung des Bürgerkriegs Folge einer "merkwürdig fiktiven Aura, die das Nachdenken über den Bürgerkrieg bis heute bestimmt. Selten zuvor gab es Sieger, die so selbstherrlich die Geschichte ihres Triumphes schrieben. Selten zuvor gab es Verlierer, deren Mitschuld sich so im Nebel einer tröstenden Utopie verlor. Während die Sieger einen glanzlosen autoritären Staat errichteten, übernahmen die Verlierer die Herrschaft über die Träume. Fotografie, Kino und Literatur schufen das Bild eines heroischen Kampfes der Linken, doch kaum jemandem fiel auf, dass die Ikonenflut - von Ernest Hemingways 'Wem die Stunde schlägt' bis zu Robert Capas 'Gefallenem Milizionär' - Stellvertreterfunktion annahm: Sie ersetzte die historische Analyse." (18.07.2006)

REFLEXIONEN

Le Figaro - Frankreich

Ana Palacio hofft auf Frankreichs Ideen

"Für Europa ist es wichtig, dass Frankreich wieder zukunftsweisend wird", meint die spanische Außenpolitikerin Ana Palacio. Frankreichs Fähigkeit, "auf die Zukunft Europas Einfluss zu nehmen, hat sich in den neunziger Jahren verflüchtigt. Grund ist der Mangel an Visionen - was die Auswirkungen des Berliner Mauerfalls, die Konsequenzen der deutschen Wiedervereinigung und die Rückkehr der Freiheit in ganz Europa anging... Frankreich war immer ein Vorbild der Freiheit, der Neuerung und der klaren Vernunft. Auf der ganzen Welt übten seine strahlend klaren Ideen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Viele hoffen heute, dass die französischen Politiker wieder anfangen werden, mit dieser Klarheit zu sprechen, um mitreißende Ideen zu vermitteln." (19.07.2006)

Die Presse - Österreich

Burkhard Bischof über ein instabiles Mittelosteuropa

"Die gegenwärtige Krise Europas ist vor allem eine Krise seiner politischen Eliten", schreibt Burkhard Bischof, der weder in West noch in Ost neue Hoffnungsträger sieht. "Man schaue sich nur an, wer in wichtigen europäischen Staaten zumeist schon seit Jahren das Sagen hat - etwa in London, in Den Haag, in der Brüsseler EU-Zentrale oder in Paris. Vor allem in Paris: Kein europäischer Politiker wirkt so ausgelaugt, verbraucht, ideenlos und fad wie Monsieur Chirac. Verbraucht, ideenlos und fad: Diese Beschreibung trifft auch in einem andern Teil Europas auf Politiker zu, die erst vor ein paar Wochen oder Monaten das Ruder übernommen haben und die eigentlich einen frischen und kreativen Eindruck vermitteln müssten. Aber diesen Eindruck bekommt man ganz und gar nicht, wenn man sich derzeit das Geschehen in Mittelosteuropa anschaut. Nein, die Krise der politischen Eliten zeigt sich auch zwischen Ostsee und Schwarzem Meer - drastischer noch als in Westeuropa. Und man braucht kein politischer Prophet zu sein, um zu prognostizieren, dass die Region auf eine Ära politischer Instabilität zusteuert." (19.07.2006)

Hospodárske noviny - Slowakei

Martin Ehl über Mittelosteuropas schwindendes Gewicht

"Vom 'neuen Europa', wie einst der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die neuen Verbündeten in Mittelosteuropa nannte, ist nicht viel geblieben", konstatiert Martin Ehl in einer Analyse der Wahlen, die gerade in mehreren Ländern der Region stattgefunden haben. "Die neue polnische Regierung hat sich mit ihren zwei großen Nachbarn Deutschland und Russland wegen einer Gasleitung und einer Zeitungssatire überworfen und lässt Zweifel an ihrer europäischen Bündnistreue aufkommen. Die neue slowakische Regierung unter Premier Robert Fico debattiert über den Abzug der Truppen aus dem Irak. Und der ungarischen Regierung wird nach dem Beitritt zur Nato ihre Passivität vorgeworfen. Es scheint so, als würde die ganze Region ihre Handlungsfähigkeit verlieren. In einer Zeit, da die EU beginnt, viel Geld in die Entwicklung der mittelosteuropäischen Länder zu pumpen, bleiben sie doch an der Peripherie der EU." (19.07.2006)

POLITIK

Polityka - Polen

Deutsch-polnische Beziehungen auf dem Tiefpunkt

Seit die deutsche Tageszeitung taz Polens Präsident Lech Kaczynski als Kartoffel bezeichnet hat, herrscht zwischen Warschau und Berlin der so genannte "Kartoffelkrieg". Tatsächlich, meint Adam Krzeminski, seien die polnisch-deutschen Beziehungen heute so schlecht wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Dabei gab es schon zuvor reichlich Spannungen, die immer eine Mischung aus Tragödie und Farce waren: "Das ist schon der dritte deutsch-polnische Krieg seit 1989. 1995 hatten wir den 'Brötchen-Krieg' in Frankfurt an der Oder, als die deutschen Bäcker gegen die polnische Konkurrenz aus Slubice protestiert haben. 1998 gab es den 'Papier-Krieg', einen Austausch von Deklarationen beider Parlamente über die Rolle von Vertriebenen und der deutschen Minderheit. Drei Kriege innerhalb von 15 Jahren seit der Verabschiedung des Großen Abkommens 1991 zwischen dem freien Polen und dem vereinigten Deutschland. Ist das nicht zu viel?" (19.07.2006)

La Stampa - Italien

Proteste gegen Prodis Reformen

Die von der Prodi-Regierung angestoßenen Reformen kommen nur schwer voran. Kaum dass die Taxifahrer ihren Streik gegen die geplanten Reformen nach einer Kompromisslösung gestern eingestellt haben, kündigen die Apotheker an, ab morgen ihre Arbeit niederzulegen. Der Schriftsteller und Philosoph Claudia Mancina kommentiert das gefährdete Gleichgewicht der parlamentarischen Mehrheit, die neue Unterstützung finden muss, um ihre Reformen durchziehen zu können. "Im Senat ist die problematische Anfälligkeit der Basis darauf zurückzuführen, dass die Mitte-Links-Koalition eher über einen einheitlichen Anti-Berlusconismus bewerkstelligt wurde als über eine homogene Regierungskultur... Was kann man angesichts dieser Situation tun? Eine Möglichkeit wäre, die Stärkung der Mehrheit über ein Vertrauensvotum. Ein legales, wenn auch riskantes Manöver." (19.07.2006)

The Independent - Großbritannien

EU will Scheidungen vereinfachen

Die Zeitung befürwortet Pläne der Europäischen Kommission, grenzüberschreitende Scheidungen einfacher zu machen. Die Kommission schätzt, dass sich jährlich 170.000 binationale Paare in der EU scheiden lassen – das sind etwa 16 Prozent aller Scheidungen in der Europäischen Union. "Man wolle nicht einfach die Regelungen übernehmen, die in solchen Fällen üblich sind, oder etwa die unterschiedlichen nationalen Scheidungsgesetze angleichen. Jeder weiß, dass das unmöglich wäre, auch wenn es auf längere Sicht gesehen wünschenswert erscheint. Vielmehr ist es das Ziel der Kommission, eine einheitliche Regelung zu schaffen und Paaren, bei denen die beiden Partner nicht aus demselben Land stammen, eine gewisse Rechtssicherheit zu geben... Das vorgeschlagene neue Gesetz spiegelt eine Realität wider, die beweist, dass die Europäische Union in vielerlei Hinsicht zusammenwächst, auch wenn die Verabschiedung einer gemeinsamen Verfassung bisher nicht geglückt ist." (19.07.2006)

Magyar Hírlap - Ungarn

Das Ende der orangen Koalition in der Ukaine

"Nicht der sozialistische Parlamentspräsident Alexander Moros hat die orange Koalition verraten. Der orange Präsident selbst, Viktor Juschtschenko, brachte sie zu Fall", meint Gyula T. Mate. "Warum warf der pro-westliche Staatschef den Ball ausgerechnet den Freunden Moskaus zu? Weil er keine andere Chance hatte. Erstens aus persönlichen Gründen: Julia Timoschenko war immer seine Rivalin... Zweitens war die Wirtschaftsoligarchie gegen eine Konfrontation mit Russland, gegen eine instabile Regierung mit Timoschenko an ihrer Spitze, die ihre eigenen energiepolitischen Interessen hat... Viktor Juschtschenko erkannte, dass seine ausschließlich am Westen orientierte Außenpolitik ohne Erfolg geblieben ist. Weder Brüssel noch Washington waren bereit, die Ukraine finanziell zu unterstützen. Der EU-Beitritt bleibt ein naiver Traum, die Nato-Mitgliedschaft wollen die ukrainischen Bürger nicht." (14.07.2006)

El Correo - Spanien

Streit um illegale Einwanderer vor Maltas Küste

Der spanische Anwalt Jose Maria Ruiz Soroa erregt sich über "die Situation der illegalen eritreischen Einwanderer, die ein spanischer Fischdampfer gerettet hat, nachdem ihr Boot vor Maltas Küste gekentert war. Die maltesischen Behörden weigern sich jedoch, sie an Land gehen zu lassen. Man fühlt sich an die ungerechte und verzweifelte Situation derer erinnert, die man die 'Enterbten der Meere' nennen könnte, und die von den verschiedenen Staaten mit dem immer gleichen Pragmatismus behandelt werden: 'Nicht in meinem Hafen'... Laut internationalem Schifffahrtsgesetz müssen die Staaten mit den Seemännern, die Schiffbrüchige aufnehmen, zusammenarbeiten. Im vorliegenden Fall kann sich Malta nicht seiner Verantwortung unter dem Vorwand entziehen, dass die Eritreer in libyschen Staatsgewässern aufgefischt wurden. Das Problem ist, dass das Wort 'zusammenarbeiten' von den Staaten auf immer gleiche Weise verstanden wird: 'Wir helfen, aber nicht in unserem Hafen.'" (19.07.2006)

KULTUR

Élet és Irodalom - Ungarn

Emese Kürti über die mütterfeindliche Gesellschaft

Die Kunstkritikerin Emese Kürti beschreibt, wie sie für die Budapester Künstlerszene plötzlich "unsichtbar" wurde, seit sie mit einem Baby zu den Vernissagen kommt. Die Türen der Galerien würden ihr vor dem Kinderwagen zugeknallt. Junge Mütter seien in dieser Gesellschaft "im symbolischen Sinne vorübergehend tot. Sie haben ihre biologische Aufgabe erfüllt, ihr Dasein ist sinnlos geworden. Sie sind kein wirtschaftlicher Faktor mehr: sie produzieren und verbrauchen nicht mehr, ihr einheitliches Einkommen (Erziehungsgeld) bestimmt ihre Ansprüche. In Hinsicht auf den Profit sind sie unproduktiv und undefinierbar. Ihre Rückkehr in die 'Arbeitswelt' (der problematische Begriff bedarf einer längeren Analyse) gelingt vielleicht gar nicht mehr oder läuft nicht glatt. Die sogenannte Arbeitswelt denkt plötzlich, dass sie das Leben selbst sei, das sprudelnde, schöne, inspirierende Leben, in dem die produktiven Kinderlosen den Kaffee nach dem Meeting oder den Weiterbildungskurs als befreiend empfinden." (14.07.2006)

Respekt - Tschechien

Milan Kundera und die Tschechen

Der Schriftsteller Milan Kundera ist zwar in der Tschechoslowakei geboren, ging aber 1975 nach Frankreich ins Exil und schreibt seitdem nur noch auf Französisch - zum Leidwesen der Tschechen. Seine Kollegin Tereza Brdeckova nimmt eine im Internet kursierende, "extrem ungeschickte" und unautorisierte Übersetzung seines Buches "Die Identität" ins Tschechische zum Anlass für ein düsteres Szenario. "Seine auf Französisch geschriebenen Bücher kann nur Kundera selbst ins Tschechische übertragen. Das aber würde heißen, ein Buch zum zweiten Mal zu schreiben, was ein Jahr Arbeit kostet. Kann sich ein Schriftsteller voller neuer Pläne das erlauben, nur um dann in den Zeitungen zu lesen, dass das Buch nicht so toll sei?... Traurig ist, dass die mangelnde tschechische Anerkennung für Kundera und sein eigenes 'tschechisches Schweigen' unvermeidlich zu einem schwindenden Interesse an seinem Werk bei uns führen. Es wäre schade, sollten wir Kundera verlieren. Einen größeren Schriftsteller haben wir nämlich derzeit nicht." (19.07.2006)

The Times - Großbritannien

Zweifelhafte Einkaufspraktiken der Tate Gallery gerügt

Die britische Wohltätigkeitskommission hat die Tate Gallery dafür gerügt, zwischen 1997 und 2004 ihren eigenen Vorstandsmitgliedern Kunstwerke abgekauft zu haben: "Wenn dies bei einem Wirtschaftsunternehmen passiert wäre, hätte das Urteil die Aktionäre in Panik versetzt", konstatiert die Zeitung in ihrem Editorial. Die Bekanntgabe "dürfte die Tate und ihren Direktor, den ehrenwerten Sir Nicholas Serota, peinlich berühren... Die Direktoren der Tate scheinen tatsächlich geglaubt zu haben, in keiner Weise falsch zu handeln. Und in der Tat herrscht die Praxis, Werke von angestellten Kuratoren aufzukaufen, seit mindestens 1959. Sir Nicholas zeigte sich gestern ziemlich zerknirscht, als er verkündete, dass es bereits Umbesetzungen gegeben habe und weitere folgen würden." (19.07.2006)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Josef Nadj beim Theaterfestival in Avignon

Viel Mittelmaß hat Marc Zitzmann bisher beim Theaterfestival in Avignon gesehen und gibt daran vor allem Frankreich die Schuld: "Eine Faustregel, die allzu seltene Ausnahmen bestätigen, ist, dass die altbackensten Programmbeiträge in Avignon oft aus Frankreich stammen." Allein, das Stück "Asobu" des französischen Regisseurs und Choreografen Josef Nadj hat die Anreise gelohnt: "Vieles in 'Asobu' wirkt von Asien und besonders vom alten Japan inspiriert - freilich nicht dem des Hofs, sondern dem des Volks: einem (Alb-)Traumland voller Fratzen und Gesichter, mit blätterumrankten Zottelwesen und bunt verschleierten Gespenstern. Die Stimmung schwankt zwischen kauzig, burlesk und grotesk, eine archaische, eruptive Energie durchpulst das Stück." (19.07.2006)

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