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Türkei: Massiver Druck auf Journalisten


Als die türkischen Gezi-Proteste am 31. Mai 2013 in Istanbul ausbrachen und tausende Demonstranten mit Tränengas beschossen wurden, zeigte der Nachrichtensender CNN Türk einen Bericht über Pinguine und NTV eine Dokumentation über den Nationalsozialismus. Erst da wurde vielen Türken bewusst, wie es um die Medien in ihrem Land bestellt ist.

Grafitti in Istanbul.
(ramisbg.tumblr.com/page/8)


Zahlreiche Journalisten sitzen momentan in Haft, rund ein Dutzend von ihnen sind Kurden. Seit den Gezi-Protesten verloren hunderte Journalisten wegen kritischer Berichterstattung ihren Job. Die islamisch-konservative AKP-Regierung hat den Druck auf Journalisten in den letzten Jahren massiv verstärkt. Politisch brisante Themen werden vermehrt mit Nachrichtensperren belegt. Stark verbreitet ist auch die Selbstzensur in den Medien.

Rund 70 Prozent der türkischen Medien gehören zu wenigen großen Mediengruppen. Die meisten von ihnen sind in der Hand großer Konzerne, die auch in medienfremden Bereichen wie dem Bau-, Finanz- oder Energiesektor tätig sind. Informationen, die ihren Geschäftszielen entgegenstehen, werden oft unterschlagen. Um lukrative Staatsaufträge zu ergattern, verhindern sie regierungskritische Berichterstattung. Die größte Mediengruppe Doğan, zu der unter anderem die Tageszeitung Hürriyet und der TV-Sender CNN Türk gehören, wurde im Jahr 2009 zu Steuerstrafen in Milliardenhöhe verurteilt. Sie hatte bis dahin sehr regierungskritisch berichtet. Seither sind ihre Kommentare sanfter geworden.

Neben den etablierten Mediengruppen kaufen seit 2010 vermehrt islamisch-konservative, der Regierung nahestehende Unternehmer große Medien auf. So wurden etwa die auflagenstarke Sabah und der Fernsehsender ATV in Sprachrohre der Regierung umgewandelt.

Hauptmedium ist das Fernsehen: Türken schauen täglich im Schnitt rund fünf Stunden fern. Kritische Berichterstattung ist hier kaum mehr zu finden. Verbreitet ist eine polarisierende, oft nationalistische Sprache. Zeitungen werden lediglich von 18 Prozent der Bevölkerung gelesen.

Unabhängige Medien haben einen schweren Stand und können nur mit alternativen Geschäftsmodellen überleben. Wachsende Bedeutung gewinnt hierbei das Internet. Internetportale wie T24 oder Bianet berichten über Themen, die etablierte Medien verschweigen. Einen extrem hohen Stellenwert haben soziale Medien: 80 Prozent der Internetnutzer nutzen Facebook, und in kaum einem anderen Land in Europa wird so viel getwittert wie in der Türkei. So verbreiteten sich auch die meisten Nachrichten über die Gezi-Proteste nicht über die etablierten Medien, sondern über diese Netzwerke.

Ranglisten der Pressefreiheit:

Reporter ohne Grenzen: Platz 149 (2015)
Freedom House: Platz 134 (2014)

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