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Rumänien: Medien in der Glaubwürdigkeitskrise


"Ihr belügt das Volk mit dem Fernseher", ist ein Dauerbrenner-Slogan, den Demonstranten in Rumänien rufen - zuletzt bei Protesten gegen die sozialdemokratische Ponta-Regierung Ende 2014. Anlass war die Präsidentenwahl: Quotenstarke Fernsehsender wie Antena 3 oder Romania TV hatten sich im Wahlkampf für den Kandidaten Victor Ponta engagiert und mit allen Mitteln versucht, seinen politischen Gegenspieler, Klaus Johannis, zu diffamieren. Einmal mehr zeigte sich: Ein Großteil der rumänischen Medienunternehmer mischt sich mit eigenen Kanälen und Zeitungen aktiv in die Politik ein, um die eigenen Geschäfts- und Privatinteressen durchzusetzen. Doch einige Medienmogule, so etwa Sorin Vantu oder Dan Voiculescu, müssen sich für ihre dubiosen Geschäftspraktiken nun auch juristisch verantworten.

Aktive Einflussnahme übers Fernsehen.
(© picture-alliance/dpa)


Dass Medien als Machtinstrument genutzt wurden, hat sie in den vergangenen Jahren in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise gestürzt. Zeitungen, die kurz nach der Revolution 1989 noch ein Millionenpublikum erreichten und in der wiedererlangten Pressefreiheit zu Leitmedien wurden, haben einen dramatischen Auflagenverlust hinnehmen müssen. "Nach Ansicht vieler Leser muss man kein Geld für Presseprodukte ausgeben, wenn sie ohnehin manipuliert sind", sagt Medienjournalist Petrişor Obae. Die gedruckte Auflage namhafter Tageszeitungen liegt oft unter 15.000 Exemplaren, nur durch ihre meist kostenlosen Onlineauftritte spielen sie überhaupt noch eine Rolle in der Medienlandschaft.

Neben dem politischen herrscht seit Jahren auch ökonomischer Druck. Seit der Finanzkrise 2008 sind die Werbeeinnahmen der rumänischen Tagespresse um 80 Prozent zurückgegangen. Ein Großteil der Medienunternehmen beschäftigt daher die Journalisten nur noch mit Honorarverträgen, um Nebenkosten zu sparen. Verspätete Gehaltszahlungen gehören in fast allen Redaktionen zum Alltag.

Die meisten Redakteure kennen die Geschäftsinteressen ihrer Chefs und würden erst gar nicht auf die Idee kommen, mit kritischer Berichterstattung einen Interessenkonflikt zu erzeugen. Vielmehr versucht ein Teil der Medienschaffenden, den Absprung in die Politik zu schaffen und sich als Parteisprecher zu verdingen. Die rumänische Nichtregierungsorganisation Active Watch sieht darin den Grund für die teils völlig politisierten Medien.

Etliche Zeitungsredaktionen wurden angesichts der Wirtschaftskrise geschlossen, tausende Journalisten verloren ihren Job. Ein Teil von ihnen schloss sich der Blog-Community im Internet an. Sie finanzieren sich mit Hilfe von Crowdfunding, Spenden und anderen Projektmitteln und veröffentlichen kritische Kommentare fernab des Mainstreams, zum Beispiel auf Voxpublica oder Contributors. Oder sie betreiben investigativen Journalismus, wie etwa das Rise Project.

Ranglisten der Pressefreiheit:

Reportern ohne Grenzen: Platz 52 (2015)
Freedom House: Platz 84 (2014)

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