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Der unsichtbare Krieg


Cyberattacken auf staatliche und wirtschaftliche Institutionen bedeuten oft hohen finanziellen Schaden und den Verlust von Ansehen. Doch gefährdet der Krieg im Netz auch ganze Gesellschaftsordnungen? Und was passiert, wenn Staaten dieselben Waffen nutzen wie Hacker?


Foto: Mikael Altemark (CC BY 2.0) bit.ly/1ywDTG3


Ende 2014 wird der Cyberkrieg in Hollywood plötzlich Realität. Hacker dringen in die Server des Filmkonzerns Sony Pictures ein, stehlen Massen hochsensibler Daten und hinterlassen Drohungen. US-Behörden machen schnell die Schuldigen hinter dem "Sony Hack" aus: Nordkorea habe mit dem Angriff die Ausstrahlung des Streifens "The Interview" verhindern wollen, in dem es um ein Attentat auf Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un geht. Tatsächlich sagt Sony nach dem Vorfall den Start des Films in den USA ab.

Mit ihrem Angriff haben die Hacker westliche Werte von Grund auf erschüttert, glaubt der Slate-Autor Fred Kaplan und bezeichnet die Attacke in der französischen Ausgabe des Onlinemagazins als "neues Zeitalter des Cyberkriegs": "Der Großteil der Hackerangriffe hatte bisher den Diebstahl von Geld, Kreditkarten-Daten, Wirtschaftsspionage oder die Schwächung der nationalen Sicherheit zum Ziel. Doch jene, die Sony Pictures angriffen, griffen damit auch die Meinungsfreiheit an." Das Beispiel scheint Schule zu machen: Erst vor einer Woche attackierten unbekannte Hacker erneut eine Kulturinstitution. Die Islamisten legten das weltweite Programm des französischsprachigen Senders TV 5 Monde lahm und hinterließen auf dessen Website Drohbotschaften der Terrormiliz IS.

Schlachtfeld ist längst nicht abgesteckt

Doch ist der Krieg im Netz wirklich schon so weit, dass er Demokratien gefährdet? Die öffentliche Debatte in Europa schwankt oft zwischen Herunterspielen und Panikmache. Über die Schwierigkeit, diesen unsichtbaren Krieg zu begreifen, denkt der Schweizer Tages-Anzeiger nach. "Noch ist Cyberkrieg kein echter Krieg, eher mischen sich Spionage und Sabotage, Diebstahl und Erpressung. Doch ist das Schlachtfeld längst nicht abgesteckt. Wie Soldaten können auch Hacker zerstören: Ruf, Vermögen, das Gefühl der Sicherheit. Es ist nicht mehr Science-Fiction, dass ein Staat die Atomanlagen eines anderen sabotiert, im Iran haben die USA dies bereits getan."

In Finnland sucht man seit geraumer Zeit eine passende Antwort auf eine Attacke gegen das Außenministerium. 2013 wurde bekannt, dass das Behördennetzwerk geknackt und mit Viren verseucht wurde. Pikant dabei: nicht die finnischen IT-Experten erkannten den Angriff, sondern "Experten eines befreundeten Staates", wie es hieß. Es begann eine Debatte über mehr Netzüberwachung zum Schutz vor solchen Angriffen. In der Tageszeitung Helsinging Sanomat erklärt die sozialdemokratische Kommunikationsministerin Krista Kiuru, warum sie solche Vorschläge ablehnt – im Gegensatz zu einigen ihrer Kollegen: "Finnland will bei Cybersicherheit und Digitalwirtschaft Vorreiter sein. Wir wollen, dass Finnlands Ruf heute und in Zukunft internationale Investoren anzieht. Man kann diesen Wettbewerbsvorteil rasch verlieren, wenn das derzeit hohe Schutzniveau bei privater und vertraulicher Kommunikation bewusst ausgehöhlt wird. Die Cybersicherheit wird nicht durch uneffektive und bereits veraltete Lösungen verbessert."

Geheimdienste sind die schlimmsten Hacker

Dass Staaten selbst aufrüsten müssen, um sich vor Netzattacken zu schützen, finden nicht nur einige finnische Politiker. So fordert die liberale französische Wirtschaftszeitung Les Echos nach den Terrorattacken in Paris, das Internet als Propagandamaschine für Terroristen unbrauchbar zu machen: "Zum einen muss man sich auf die technischen und juristischen Mittel einigen, die zur Durchleuchtung und Überwachung der sozialen Netzwerke einzusetzen sind. Damit ist ein präventiver Cyberkrieg gemeint. Zum anderen geht es um Instrumente, gewisse Aktivitäten [wie Propaganda] auszurotten. Also um einen offensiven Cyberkrieg. Diese zwei Dinge haben jedoch einen Preis. Zum Schutz unserer kollektiven Freiheit müssen wir unsere individuellen Freiheiten ein wenig beschneiden." Der Staat als Überwacher zum Schutz seiner Bürger. Bei dem Gedanken läuft anderen ein kalter Schauer über den Rücken, etwa der Autorin Una Mullally in der Irish Times: "Wer sind die größten Hacker der Welt? Wer steckt hinter den umfangreichsten Verletzungen der Privatsphäre und des Vertrauensmissbrauchs der Öffentlichkeit? Nun, das sind wohl die US-Sicherheitsdienste, allen voran die NSA."

Anonyme Robin Hoods

Doch nicht nur der Staat mischt mit im Cyberkrieg. Schließlich kosten die Waffen weniger und sind einfacher zu beschaffen, als die im konventionellen Krieg. Die Hackergruppe Anonymous teilte Ende Februar mit, dass sie etliche Social-Media-Konten der Terrormiliz Islamistischer Staat lahmgelegt hat. Die italienische Tageszeitung Avvenire findet diese Robin-Hood-Attitüde beim Thema Cyberwar allerdings unangebracht: "Was wie eine Art modernes Märchen anmutet – eine Bande rebellischer Jungs, die in die Rolle der Guten schlüpfen und die Welt retten – ist komplizierter, als es scheint. Vor allem weil die Akteure selbst zwielichtige Figuren sind. Seit die Bezeichnung Anonymous erstmals offiziell auftauchte, diente sie mal dazu, einzelne Hacker, dann wieder Gruppen von Hackern zu bezeichnen. Es kommt nicht von ungefähr, dass Experten die Beteiligung staatlicher Militäreinheiten bei den Angriffen auf die IS-Accounts nicht ausschließen."

Im Cyberkrieg ist es kompliziert, Gut und Böse, Angreifer und Opfer, Richtig und Falsch auseinanderzuhalten. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit, die er mit konventionellen Kriegen hat.

 

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